Mittwoch, 26. Januar 2011

Wie illiberal ist Österreichs Bevölkerung?

Liberale Parteien haben in ganz Europa einen schweren Stand. Mit Ausnahme weniger Länder, wie etwa der Niederlande oder Polens, stellen die Liberalen nur eine unbedeutende politische Kraft dar. Oft sind liberale Parteien nicht einmal im Parlament vertreten. In Deutschland hat die FDP bei den letzten Bundestagswahlen ein Rekordergebnis von rund 15 Prozent erzielt - anscheinend war damals gerade die Stimmung gut, denn in den aktuellen Umfragen krabbelt sie wieder bei mageren drei bis fünf Prozent. Als liberal denkender Mensch stelle ich mir die Frage: Was ist die Ursache, dass die Parteien, deren Ideologien meinen eigenen Vorstellungen noch am nächsten stehen, so wenig populär sind? Liegt es am Angebot oder an der Nachfrage?

Angebot ist in diesem Sinne wie folgt zu verstehen: Die Partei bietet ein bestimmtes Programm an; dieses scheint jedoch nur wenige potenzielle Wähler zu überzeugen. Möglicherweise gäbe es durchaus mehr Interesse an liberaler Politik, als es die Umfragewerte für liberale Parteien vermuten lassen; schuld daran, dass die Parteien so schwach abschneiden, sind jedoch die Parteien selbst, weil sie falsche Prioritäten setzen. Die österreichische Partei "Liberales Forum" ist ein gutes Beispiel hierfür: Gelang es bei den ersten Wahlen nach der Parteigründung noch, den Konservativen relativ viele Wähler wegzunehmen, und bekam die Partei wenigstens zwischen fünf und zehn Prozent der Wählerstimmen (genug, um ins Parlament einzuziehen), ruinierte sich die Partei selbst, indem sie nichts Wirkungsvolles dagegen unternahm, dass sie in der Öffentlichkeit zunehmend als Partei der Homosexuellen und Drogenkonsumenten wahrgenommen wurde, die keine oder nur wenig wirtschaftliche Kompetenz aufwies.

Auf der anderen Seite könnte aber auch die Nachfrage nach echter liberaler Politik geringer sein, als Liberale dies gerne hätten. Sprich: Freie Entfaltung der Persönlichkeit und mehr Spielraum zur Verwirklichung der persönlichen Ziele  für jeden Staatsbürger sind womöglich gar nicht im Interesse der meisten Wähler. Kann es sein, dass Österreichs Bevölkerung mehrheitlich einfach illiberal eingestellt ist?

Man braucht dazu gar nicht erst den Leserbriefeteil der Kronen Zeitung aufzuschlagen, um Indizien zu finden, die für diese Hypothese sprechen - es genügt auch der des aktuellen "profil".

Endlich hat sich in den Köpfen einiger der mächtigen Politiker unseres Landes etwas getan, was aus liberaler Sicht zu begrüßen ist: das sture Festhalten an der Wehrpflicht wurde aufgegeben, der Verteidigungsminister hat einen konkreten Plan zur Abschaffung der zum Glück einzigen legalen Form von Zwangsarbeit in unserer Republik erarbeitet. Auch das "profil" hat diese Entscheidung begrüßt. Doch im Leserbriefeteil der Ausgabe vom 24. Januar 2011 finden wir überwiegend gegenteilige Meinungen. Ein Diplomingenieur aus St. Johann schrieb etwa: "Wie wär's mit einem verpflichtenden Staatsdienst für alle Österreicherinnen und Österreicher im Alter von 18 bis 20 Jahren?" Oder ein Doktor via E-Mail: "Deshalb sollte ein sechsmonatiger, verpflichtender Sozialdienst für Frauen und Männer eingeführt werden. Verpflichtend, weil sich kaum ausreichend Freiwillige melden werden." Ähnlich ein Volkswirt, der zwar nicht mit einer eindeutigen Aussage contra Abschaffung der Wehrpflicht zitiert wird, aber die Wehrpflicht indirekt verteidigt, indem er ihre Wichtigkeit für die "Formung" eines jungen Mannes betont.

Diese Leserbriefeschreiber sind allesamt Akademiker und somit nicht mehr in dem Alter, in dem sie die Frage der Abschaffung der Wehrpflicht persönlich beträfe. Dennoch sind sie dagegen, den jungen Männern ein halbes bis ein Dreiviertel-Jahr wegzunehmen, in denen diese, ohne leistungsgerechte Entlohnung, anstrengende Arbeiten verrichten müssen, die meist wenig mit der späteren beruflichen Tätigkeit zu tun haben.

Nun ist es natürlich fraglich, ob die kleine Anzahl veröffentlichter Leserbriefe repräsentativ für die Verteilung der Meinungen innerhalb der österreichischen Bevölkerung sind. Aber auch Umfragen mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit belegen immer wieder die anscheinend durchaus weit verbreitete Sehnsucht nach autoritären Strukturen, wie etwa unlängst jene Umfrage, bei der herauskam, dass ein nicht gerade kleiner Prozentsatz der Aussage, es müsse einen "starken Mann" an der Spitze des Staates geben, zustimmte.

Warum ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung autoritärer Gesinnung ist, lässt sich vielleicht typologisch begründen. Nach den Studien von Keirsey et al. sind nur etwa zehn Prozent der Menschen in westlichen Industriestaaten "Rationalisten" ("Vernunftmenschen", die dazu neigen, nichts als gegeben anzunehmen, sondern alles selbst zumindest logisch zu hinterfragen, wenn nicht gar in Frage zu stellen), also von dem Persönlichkeitstyp, der wahrscheinlich am ehesten echt liberalem Gedankengut zugeneigt ist. Etwa vierzig Prozent sind hingegen "Traditionalisten", man könnte sie auch "Pflichtmenschen" nennen. Diese Leute anerkennen Autoritäten und Institutionen wie Kirche, Staat oder Partei (das kann durchaus auch eine "linke" Partei sein) und übernehmen deren traditionelle Werte. Pünktlichkeit, Fleiß und Disziplin sind natürlich positive Eigenschaften, aber Menschen, die sich in diesen Eigenschaften besonders hervortun, die "Stützen der Gesellschaft", neigen meistens auch dazu, dieselben Charaktereigenschaften von anderen zu erwarten. So entstehen illiberale Tendenzen. Dabei würden auch Pflichtmenschen etwa von einer liberalen Wirtschaftsordnung profitieren, die nachweislich zu mehr Wohlstand führt als konservatives Gildenwesen oder sozialistische Planwirtschaft.

Meiner Meinung nach muss eine liberale Partei, wenn sie Erfolg haben will, sich nach außen so präsentieren, dass sie auch für Traditionalisten wählbar wird, freilich ohne die Kernwählerschaft zu vernachlässigen. Sie könnte aber auch versuchen, Menschen, die sich bisher nicht oder nur selten an Wahlen beteiligt haben, für sich zu gewinnen. Insgesamt halte ich aber die Wahrscheinlichkeit, dass im vorwiegend konservativ oder sozialistisch geprägten Österreich eine liberale Partei in den nächsten hundert Jahren zur stärksten Kraft wird, doch für eher gering. Dazu müsste sich das Denken weiter Teile der Bevölkerung ändern. Darauf scheint aber auch die starke Migration keine Auswirkung zu haben, zumindest nicht in die gewünschte Richtung.

Sonntag, 23. Januar 2011

Philosophen...

Wenn man liest, was Popper (z. B. in "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde") über die "Deutschen Idealisten" (Fichte, Schelling, Hegel,...) schreibt, dann wundert man sich schon über den geistigen Zustand der deutschen, aber auch ausländischer Philosophen. Vor allem Hegels Philosophie wurde von vielen Philosophen bewundert. Dabei zeigt Popper deutlich, dass so gut wie alles, was er schrieb, wirres Zeug war... Einerseits könnte man fast sagen, dass es eine Verschwendung war, dass ein so intelligenter Mensch wie Popper "nur" Philosoph wurde. Andererseits kann man aber froh sein, dass wenigstens einer aufgezeigt hat, wie daneben viele andere seiner Zunft lagen... Die Werke von den alten Griechen bis zur Neuzeit so zu studieren, wie es Popper getan hat, muss sehr anstrengend gewesen sein, vor allem wenn man bedenkt, wieviel Unsinn darin enthalten war. Erstaunlich, dass er das durchgehalten hat. Das muss man anerkennen.

Samstag, 22. Januar 2011

Über den Wahrheitsgehalt von Aussagen

Fangen wir am besten gleich mit einem Beispiel an: Man kann nicht sagen, dass ich vor Beginn meines Studiums gänzlich ahnungslos gewesen wäre; ich hatte gewisse Vorstellungen davon, was mich erwarten würde. Ich war der Meinung, dass es im Medizinstudium nur ums Auswendiglernen ginge. Es stellte sich aber heraus, dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach: Es gab auch einige Fächer, wo das Verständnis wichtiger als das Merken von Fakten war. Aber der meiste Stoff musste tatsächlich auswendig gelernt werden.

Nun habe ich geschrieben: "... dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach." Ich hätte auch schreiben können: "... dass dies nicht ganz wahr war." Wie kann eine Aussage "nicht ganz wahr" sein? Nach der klassischen Aussagenlogik kann sie nur entweder wahr oder falsch sein. Dazwischen gibt es nichts. An diesem Beispiel erkennt man, dass der Wahrheitsbegriff der klassischen Logik mit dem Wahrheitsbegriff, wie er in der Umgangssprache verwendet wird, nicht übereinstimmt.

Gegeben ist also die Aussage: "Alle Fächer im Medizinstudium erfordern nur Auswendiglernen." Das ist eine Allquantorenaussage. Sie widerspricht der Existenzquantorenausage: "Es gibt ein Fach im Medizinstudium, das nicht nur Auswendiglernen erfordert." Wenn man die Aussage "Alle Fächer im Medizinstudium erfordern nur Auswendiglernen" als eine Hypothese auffasst, also als eine Vermutung, die solange gilt, bis sie widerlegt worden ist, dann würde der Beweis der Existenzquantorenaussage "Es gibt ein Fach im Medizinstudium, das nicht nur Auswendiglernen erfordert" diese Allquantorenaussage widerlegen.

Für manche Philosophen gelten nur Allquantorenaussagen als wissenschaftliche Hypothesen. Da solche Aussagen niemals endgültig bewiesen werden können, sehr wohl aber durch ein Gegenbeispiel widerlegt werden können, sagen diese Philosophen deshalb, die wissenschaftliche Methode sei die Falsifikation (Widerlegung). Die Aussagenlogik kennt aber auch Existenzquantorenaussagen wie das genannte Beispiel, und mir ist schleierhaft, warum man nicht auch solche Aussagen als wissenschaftliche Hypothesen zulassen sollte. Das Interessante ist, dass es sich bei Existenzquantorenaussagen genau umgekehrt verhält: Sie können niemals endgültig widerlegt werden, jedoch können sie durch das Auffinden eines Beispiels, das die Aussage bestätigt, bewiesen werden.

Wenn die Hypothese "Alle Fächer im Medizinstudium erforden nur Auswendiglernen" durch das Auffinden eines Faches widerlegt wurde, in dem es nicht nur ums Auswendiglernen geht, muss diese Hypothese, streng logisch betrachtet, verworfen werden. Sie muss durch eine neue Hypothese ersetzt werden, die eine Modifikation darstellen kann, wie etwa: "Fast alle Fächer im Medizinstudium erfordern nur Auswendiglernen." Die Hypothese "Alle Fächer im Medizinstudium erforden nur Auswendiglernen" ist widerlegt worden; es ist gezeigt worden, dass sie falsch ist. Somit ist meines Erachtens der Wahrheitsgehalt der umgangssprachlichen Formulierung "nicht ganz wahr" gleichbedeutend mit dem Wahrheitsgehalt "falsch". Die Formulierung "nicht ganz wahr" bedeutet jedoch darauf hin, dass eine geringfügige Modifikation der Hypothese möglicherweise richtig sein könnte.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Studienberatung? Warum nicht Videos der Lehrveranstaltungen?

Die österreichische Wissenschaftsministerin hat gemeinsam mit der Unterrichtsministerin ein Konzept präsentiert, wie die Studentenzahlen abgebaut werden sollen. Neben der Beschränkung der Wiederholungsmöglichkeiten von Prüfungen in der Studieneingangsphase auf eine Wiederholung umfasst das Paket auch eine verpflichtende Studienberatung, die noch vor der Anmeldung zum Studium zu absolvieren ist. Ich möchte mich mit letzterem Punkt befassen.

Grundsätzlich gibt es genügend Möglichkeiten, sich über die ungefähren Inhalte eines Studiums im voraus zu informieren. Jede Universität veröffentlicht die Studienpläne im Internet. Man muss nur auf die Website der Universität gehen und sie dort herunterladen. Somit ist es kein Problem zu erfahren, welche Vorlesungen, Übungen und sonstige Lehrveranstaltungen für Studierende des jeweiligen Studiums Pflicht sind. Dazu kommen noch private Websites wie studieren.at, die ebenfalls eine Art Studienberatung darstellen. Zusätzlich zu Informationen über die Schwerpunkte des Studiums und die Anforderungen, die an den Studierenden gestellt werden, finden sich dort auch Angaben über die derzeitige Situation am Arbeitsmarkt bzw. welche Berufsfelder für einen Absolventen des Studiums realistischerweise möglich sind.

Freilich besteht das Problem, dass man sich online über die Inhalte des Studiums nur ungefähr informieren kann. Was nun in einer Vorlesung genau gebracht wird, erschließt sich einem erst, wenn man diese Vorlesung besucht. Die einzige Alternative wäre in den meisten Fällen derzeit, sich Mitschriften zu besorgen; Mitschriften sind durchaus ebenfalls im Internet zu finden. Zudem gibt es für manche Studienrichtungen Foren (z. B. http://www.informatik-forum.at/), in denen es möglich ist, sich mit Studierenden auszutauschen. Auf diese Weise kann man gezielt Fragen stellen und Antworten bekommen, die freilich subjektiv geprägt sind, aber was ist schon objektiv?

Was jedoch wirklich sinnvoll wäre, wäre das Bereitstellen von Videoaufzeichnungen von Vorlesungen im Internet. Das wäre die beste Möglichkeit, um sich im voraus ein Bild von seinem zukünftigen Studium machen zu können. An manchen Universitäten werden bereits von offizieller Seite Vorlesungen aufgezeichnet und ins Internet gestellt, jedoch nicht an allen. Von vielen Studienrichtungen kann derzeit noch kein einziges Video im Internet gefunden werden. Das ist meiner Meinung nach ein großes Versäumnis. Schüler haben in der Regel keine Zeit, während ihrer Schulzeit Vorlesungen an den Unis zu besuchen - vormittags müssen sie die Schulbank drücken, sie könnten also höchstens am Nachmittag zur Uni fahren; viele Schüler wohnen allerdings so weit von der nächsten Universität entfernt, dass dies nicht möglich ist. Videoaufzeichnungen wären daher die einzige Möglichkeit, um schon während der Schulzeit einer ganzen Vorlesung beiwohnen zu können.

Videoaufzeichnungen anzusehen, wäre sicherlich besser, als eine Studienberatung zu absolvieren. Denn die Kompetenz der Beratungsperson ist in manchen Fällen zweifelhaft. Wenn ein Student an eine AHS kommt, um dort die Schüler über das Studieren an der Universität aufzuklären, kann er doch realistischerweise nur über die Studienrichtungen sprechen, die er selbst studiert. Das Absolvieren einer Studienberatung bedeutet daher nicht, dass man wirklich einen Einblick in die einen interessierende Studienrichtung bekommen hat. Sieht man sich hingegen eine Videoaufzeichnung einer Vorlesung aus dem jeweiligen Studium an, so bekommt man einen klaren Eindruck von dem, was einen an der Universität erwarten wird.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Bildung

Ich habe mir heute das auch nicht mehr ganz taufrische Buch von D. Schwanitz zum Thema Bildung gekauft. Es gefällt mir im Großen und Ganzen sehr gut. Die geschichtlichen Abhanldungen brachten mir keinen großartigen Erkenntnisgewinn, einzig der Absatz über die germanischen Stämme war interessant. Aber die Texte zu den einzelnen Philosophen und deren Schulen, über den Ideologiebegriff im Marxismus, über die umständlichen Formulierungen der Frankfurter Schule usw. waren recht interessant, ebenso die Anmerkungen zu den einzelnen Nationen (dass Österreich "das einzige deutsche Land" sei, in dem sich so etwas wie eine gute Gesellschaft herausgebildet habe, war mir beispielsweise neu).

Aber: Wozu all diese Bildung, wenn die Leute nichts damit anfangen? Man muss auch kreativ genug sein, um auf Basis des erworbenen Wissens Neues zu schaffen. Bildung zu erwerben bringt niemanden etwas außer einem selbst. Die Ideen zu verarbeiten und das neu Entstandene zu veröffentlichen, bringt der ganzen Menschheit etwas. Und da wären wir bei der Wichtigkeit der von Schwanitz so vernachlässigten Naturwissenschaften und der Technik: Dieses Wissen hat mehr Potenzial, dass daraus nützliche Produkte geschaffen werden können, als jedes andere...