Dienstag, 22. März 2011

Wissenschaftliche Kreativität

Als ich zum ersten Mal von "wissenschaftlicher Kreativität" las, fragte ich mich, was damit gemeint sei. Inzwischen ist es mir klar:

1. Es gibt einige naheliegende wissenschaftliche Fragestellungen, große Probleme, die noch ungeklärt sind. Ein Beispiel: Wie speichert der Mensch die Informationen in seinem Gehirn ab, wie sind sie codiert? Solche Fragestellungen sind schwierig zu beantworten, und es bedarf dazu eines oder mehrerer Genies.

2. Der durchschnittliche Wissenschaftler muss sich mit der Arbeit an weniger schwierigen Problemen begnügen. Um immer wieder auf neue Probleme zu kommen, die er untersuchen könnte, muss er kreativ sein, denn es ist nicht einfach, leicht zu untersuchende Fragestellungen zu finden, die bisher noch niemand untersucht hat.

Ich habe beim Wissenschaftsbetrieb den Eindruck, dass viele nur publizieren, weil sie publizieren müssen, und nicht, weil sie davon überzeugt wären, etwas Interessantes herausgefunden zu haben.

In den biologischen Wissenschaften hängt vieles von den Methoden ab. In einzelnen Forschungslabors werden Techniken verwendet, die bislang wenig bekannt sind. Im Studium lernt man davon nichts. Man kann dieses Wissen erst akquirieren, wenn man arbeitet.

Medizin-Absolventen über ihre Studienzeit

In der zweiten Ausgabe des Magazins des Alumni-Clubs der Medizinischen Universität Wien, erhältlich auf http://www.alumni-meduniwien.at/mediafiles/92/ALUMNI_MED.pdf, finden sich Interviews mit Medizinern, die in den Jahren 1938, 1968 bzw. 2008 an unserer Universität studiert haben.

Dramatisch und aus diesen Gründen meiner Meinung nach besonders lesenswert ist der Bericht des Studenten des Jahres 1938. Freilich kann ich die Akkuratheit seiner Ausführungen nicht beurteilen, weil ich nicht Zeitzeuge bin.

Wenn ich mir den Bericht der Studentin des Jahres 1968 durchlese, so kann ich kaum Abweichungen von meinem eigenen Studium erkennen:

"Es ging großteils noch sehr traditionell zu. Einige, vor allem ältere Vortragende und Lehrer waren sehr autoritär, es gab aber auch etliche, die humorvoll und bemüht waren. Natürlich hatten wir nicht das Selbstbewusstsein der heutigen Studierenden. Die Prüfungen beispielsweise fanden öffentlich statt, manchmal war schon zu merken, dass ein Prüfer parteiisch war und so lange prüfte, bis der Student etwas Falsches sagte. Da haben wir uns geärgert, aber man konnte dagegen kaum etwas unternehmen. Das heutige System bietet da zweifellos wesentlich mehr Gerechtigkeit."

"Das heutige System" - vielleicht meint sie den neuen Studienplan N202? Im alten Studienplan N201, nach dem ich noch studiere, geht (ging) es genauso zu, wie die Ärztin schreibt. Als ich den Satz "Die Prüfungen beispielsweise fanden öffentlich statt..." zum ersten Mal las, verlas ich mich; ich glaubte, sie hätte "Die Prüfungen fanden NICHT öffentlich statt" geschrieben. Das wäre ja schlimm gewesen, denn dann wäre der Willkür Tür und Tor geöffnet. Aber nein, ich hatte mich nur verlesen - die Prüfungen fanden öffentlich statt, genauso wie in meinem Studium. Was soll denn daran schlimm sein? Ganz im Gegenteil: Es gibt Zeugen, die beurteilen können, ob es fair war, den Studenten durchfallen zu lassen.

"Die Fortschritte seit damals sind enorm. Als ich studierte, gab es weder CT noch MR noch Ultraschall. Die Diagnose basierte auf Reden, Schauen, Zuhören, Tasten und Röntgen."

Dazu ist zu sagen: Die physikalische Krankenuntersuchung ist ein wertvolles Instrument; es ist sinnvoll, sie gut zu beherrschen. Wenn man die physikalische Krankenuntersuchung im Studium und in der Ausbildung nicht gut erlernt, ist man (und vor allem seine zukünftigen Patienten!) klar im Nachteil.

Dem Studenten des Jahres 2008, den ich übrigens persönlich kenne (man könnte vielleicht sogar sagen: ziemlich gut kenne), wurde als erstes die Frage gestellt:

"Absolventen früherer Generationen erzählen, dass es auf der medizinischen Fakultät der Universität Wien manchmal sehr autoritär zuging. Merkten Sie während ihres Studiums auch noch etwas davon?"

Er antwortete:

"Da scheint sich einiges verändert zu haben. Es gibt einerseits einen gewissen Wettbewerb unter den Lehrenden, der verhindert, dass autokratische Professoren schalten und walten, wie sie wollen. Andererseits wurde durch Einführung des neuen Studienplanes der Umgang auch persönlicher, die Gruppen sind kleiner geworden, der Abstand zwischen Lehrenden und Studierenden hat sich verringert."

Was den zweiten Teil seiner Ausführungen betrifft, so wundert es mich, dass er auf die Situation im neuen Studienplan eingeht - schließlich hat er selbst noch nach dem alten Studienplan studiert.

Zum ersten Teil der Antwort erübrigt sich jeglicher weiterer Kommentar. Ich glaube, meine Ansicht hierzu bereits deutlich gemacht zu haben.

Nach einigen belanglosen Fragen kam eine weitere Frage, die ich gerne kommentieren möchte:

"Und fanden Sie in Wien schnell Anschluss und neue Freunde?"

Er antwortete:

"Zum ersten Mal wirklich in näheren Kontakt mit anderen Studenten bin ich beim Sezierkurs im zweiten Semester gekommen. Wir waren zu sechst in einer Gruppe, das hat viel Spaß gemacht und dazu geführt, dass wir uns auch privat gut verstanden."

Dazu ist zu sagen: Ich habe bereits vor Jahren die Behauptung gelesen, dass es im alten Studienplan nicht leicht möglich gewesen wäre, in Kontakt mit anderen Studierenden zu treten. Dem muss ich entschieden widersprechen. Wer die Vorlesungen besuchte, hatte genug Möglichkeiten, andere Studierende anzusprechen. Zudem musste man bereits im ersten Semester, im Physik-Praktikum, im Team arbeiten. Wenn jemand erst im Sezierkurs soziale Kontakte geknüpft hat, spricht das eher für eine nach innen gekehrte, wenig kontaktfreudige Persönlichkeit - was aber nicht unbedingt etwas Schlechtes sein muss.

Echte Freundschaften habe ich jedoch im Medizinstudium nicht geknüpft. Das ist insofern schwer möglich, als alle Medizinstudenten einander zu einem gewissen Grad als Konkurrenten betrachten. Viele Studierende sind froh, wenn es ihren Kollegen mal etwas schlechter geht.

Der Student des Jahres 2008 schreibt weiters:

"Die Kontakte bestehen heute zwar nicht mehr so intensiv, aber doch noch regelmäßig."

Daran merkt man, dass es sich eben auch bei seinen Kontakten aus dem Medizinstudium nicht um echte Freundschaften handelt.

"Ich denke, es ist sowohl beim Studium als auch später im Beruf wichtig, dass man sich abseits der üblichen Arbeitszeiten austauschen kann, Zeit und Freiräume hat um neue Ideen zu entwickeln."

Diesem Zitat kann ich zustimmen; das ist auch meine Meinung.

Zusammenfassend kann man sagen: Im Jahre 1938 war das Studieren sicherlich noch um Einiges, Einiges, Einiges schwieriger als heute - vor allem, weil ja die Gefahr bestand, bei den obligatorischen Kriegseinsätzen zu fallen. Das war eine ganz andere Zeit. Das kann man als heutiger junger Mensch gar nicht nachvollziehen.

Gegenüber 1968 hat sich aber - zumindest für Studierende des alten Plans - wenig geändert.