Samstag, 17. November 2012

Auf dem Abstellgleis

Ganz ehrlich: Ich fühle mich wie auf dem Abstellgleis, und das schon seit meiner Geburt. Denn anstatt zu lernen, hätte ich schon früh gerne gearbeitet. Aber eben: geistig gearbeitet. Und dafür braucht man in unserem System eben einen Studienabschluss. Tatsache ist: Wenn ich dann in ein paar Monaten endlich in das Berufsleben einsteigen werde, werde ich zwar über mehr Wissen verfügen als vor zehn Jahren. Im Prinzip hätte ich aber schon vor zehn Jahren genug gewusst, um als Programmierer oder Wissenschaftler arbeiten zu können. Denn das Entscheidende ist nicht das, was man an der Uni gelernt hat, sondern das, was man sich selbst beigebracht hat.

Donnerstag, 15. November 2012

Meine Studienwahl

Mein Physiklehrer hätte es gern gesehen, wenn ich mich für ein Physikstudium entschieden hätte. Aber das habe ich nicht getan, weil mich Physik am Gymnasium weniger interessiert hat als andere Fächer. In der Unterstufe hatten wir einen anderen Lehrer in Physik (unseren Mathematiklehrer), und auch wenn er mir gute Noten gab, hatte ich nicht das Gefühl, viel Ahnung von der Materie zu haben. Der Lehrer in der Oberstufe hat dann den Stoff systematisch durchgenommen, und der Unterricht war auch eher mathematisch orientiert, mit vielen Definitionen und (einfachen) Formeln. Mir ist die Physik an sich zu konkret. Ich interessiere mich eher für abstraktere Dinge. Deswegen haben mir die Quanten- und die Relativitätstheorie ganz gut gefallen, aber die klassische Physik - vor allem Mechanik und Optik, weniger Thermodynamik, Magnetismus und Elektrizität - sind halt doch sehr konkrete Wissenschaften über Dinge, die man anfassen kann.

Da lag mir Chemie mehr, weil das auf mich abstrakter wirkte, auch wenn ich weiß, dass die ganze Chemie im Prinzip auf der Physik aufbaut. Ein Chemiestudium wäre durchaus in Frage gekommen, jedenfalls was das Studieren betrifft. Ob ich im Beruf glücklich geworden wäre, weiß ich nicht.

Mathematik habe ich deswegen nicht studiert, weil es mir im Vergleich zur Informatik wie ein Auswendiglernstudium vorkommt. Ich weiß, es klingt verrückt. "Auswendig lernen - in Mathematik?" Doch: Man muss zum Beispiel Beweise auswendig lernen und bei der Prüfung präsentieren können. Natürlich ist Mathematik ein Hirnstudium, und das Lösen der Übungsaufgaben hätte mir wohl auch Freude bereitet. Aber Auswendiglernen mag ich eben gar nicht. Es liegt mir nicht, ich brauche lange, bis ich mir etwas einigermaßen vollständig merke, und nach der Prüfung vergesse ich es rasch wieder, so dass das Gefühl übrig bleibt, dass die ganze Mühe im Prinzip sinnlos war. Im Informatikstudium habe ich genauso Übungsbeispiele zu lösen wie im Mathematikstudium, und das Auswendiglernen fällt weg - somit ist das Informatikstudium für mich ideal.

Ein Brieffreund meinte, er wundere sich, wie jemand mit meiner Begabung sich für Informatik interessieren könne. Nun, ich kenne meine Stärken und Schwächen besser als er...

Samstag, 10. November 2012

Zugangsbeschränkungen auf der Informatik

Nicht nur, dass seit diesem Semester in den Pflichtfächern des ersten Studienjahres Knock-out-Prüfungen abgehalten werden, die über den weiteren Studienfortschritt entscheiden: Nun wollen auch die Regierungsparteien offiziell die gesetzlichen Rahmenbedingungen dementsprechend ändern, dass ganz legal Zugangsbeschränkungen zum Informatikstudium eingeführt werden können.

Ich erinnere daran, dass erst vor wenigen Jahren die damalige Wissenschaftsministerin (und heutige Justizministerin) Beatrix Karl die MINT-Initiative gestartet hat, welche MaturantInnen motivieren sollte, sich für ein Studium der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik zu entscheiden.

Damals war Informatik also gefragt, und heute studieren es schon zu viele? Das kann ich kaum glauben.

Donnerstag, 8. November 2012

Von der Leistungsgesellschaft

Ein Bekannter, ein älterer Herr, meinte unlängst im Gespräch, im Leben ginge alles um Leistung. Da musste ich ihm sagen, dass ich diese Erfahrung bisher nicht gemacht hatte.

Das einzige Mal, als ich zu mehr Leistung ermahnt wurde, war kurz nach Beginn meiner Gymnasialzeit im Sportunterricht. Der Lehrer rief mir zu: "Leistung zeigen!" Ich wunderte mich, welchen Sinn es haben sollte, im Sport mehr Leistung als notwendig zu erbringen. Ich war beim Laufen vielleicht recht gemächlich unterwegs, aber immerhin, ich kam voran. Der Lehrer sagte meiner Mutter, er ginge davon aus, dass ich kein guter Schüler sein würde. Dann kam das Halbjahreszeugnis, und ich hatte einen Vorzug. Später das Jahreszeugnis, da genauso, und so blieb es bis zum Schluss. Der Lehrer sah ein, dass er sich mit seiner Einschätzung geirrt hatte.

Niemals empfand ich es als eine Form von Leistungserbringung, meine Pflichten als Schüler zu erfüllen. Das waren halt die Aufgaben, die man tagtäglich zu bewältigen hatte. Leistung? Leistung ist doch etwas, das anstrengt. Und die Schule strengte mich nie an.

Als ich auf die Uni kam, rechnete ich damit, mehr Zeit ins Lernen investieren zu müssen, um meinen Notendurchschnitt zu halten. Ich verbrachte tatsächlich mehr Zeit mit meinen Lehrbüchern, als ich in der Schule je getan hatte. Aber anstrengend? Das war es nicht. Nur machte ich an der Uni die Erfahrung: Für gute Noten zollt einem niemand Anerkennung. Ich hatte in allen drei Fachprüfungen des ersten Studienjahres - Chemie, Physik und Biologie für Mediziner - eine Eins, aber außer dem Prüfer wusste das niemand. So machte ich die Erfahrung, dass man auch als guter Student hin und wieder auf eine Prüfung eine schlechtere Note bekommen oder gar durchfallen konnte - was in der Schule kaum möglich war, weil die Lehrer einen kannten und Nachsicht walten ließen, wenn man mal einen schlechten Tag hatte.

Die Konsequenz all meiner Erfahrungen war dann letzten Endes, dass ich mich ab einem bestimmten Zeitpunkt damit begnügt habe, die Prüfungen zu bestehen. War die Note gut, freute ich mich, aber war sie nur knapp positiv, war das auch kein Malheur.

Manche Studenten versuchen freilich, immer nur gute Noten zu bekommen. Es kommt sogar vor, dass ein Student ein zweites Mal zur selben Prüfung antritt, obwohl er sie bereits beim ersten Versuch bestanden hat, nur um die Note zu verbessern. Ich gebe es zu: Ich habe das auch einmal gemacht. Aber da war ich noch recht jung und wollte mich nicht damit zufriedengeben, in einem Fach, das mich eigentlich interessierte, nur eine Drei zu haben. Später habe ich Prüfungen nur mehr wiederholt, wenn ich sie wiederholen musste, weil ich beim ersten Antritt durchgefallen war. Jedenfalls: Die besonders ehrgeizigen Studierenden, die immer oder fast immer Bestnoten schreiben, sind nicht unbedingt talentierter als andere Studenten. Ihnen ist lediglich, aus welchen Gründen auch immer, die Note wichtiger. Ein rationaler Grund dafür mag sein, dass sie glauben, dass nach dem Studium die potenziellen Arbeitgeber auf die Noten achten könnten. Dazu muss ich sagen: Mag sein; es ist aber Spekulation. Man weiß nicht, was einen nach dem Studium erwarten wird. Es ist genauso vernünftig, auf Nummer sicher zu gehen und sich auf alle Prüfungen besonders gründlich vorzubereiten, wie es vernünftig ist, sich das Leben leichter zu machen und eventuelle Nachteile beim Jobinterview in Kauf zu nehmen.

Wie dem auch so: Dass es sich lohnt, sich anzustrengen, hat mir mein Bildungsweg nicht vermittelt.

Montag, 5. November 2012

Wozu Studiengebühren?

Die JuLis haben voriges Jahr ihren Wahlkampf mit der Forderung nach Einführung nachgelagerter Studiengebühren bestritten. Im persönlichen Gespräch meinte einer der Federführenden, dass er die Erfahrung gemacht habe, dass Lehrende engagierter seien, wenn Studiengebühren bezahlt würden. Hat er Recht?

Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass die Lehrpersonen vernunftbegabt sind und rational handeln. Wenn diese Annahme nicht zutreffen sollte, dann sind meine Argumente hinfällig.

Sollte die Annahme aber zutreffen, so gibt es nur einen Grund, warum Studiengebühren eine Verbesserung der Lehre bewirken könnten: Wenn die Lehrpersonen Angst haben, dass die Studierenden sonst die Uni verlassen könnten. Das hätten die Lehrpersonen aber nur, wenn sie unmittelbar etwas von den Studiengebühren hätten. Bekämen sie ihr Entgelt unabhängig von den Studiengebühren, so wären sie vermutlich nach wie vor eher daran interessiert, die Studierenden loszuwerden, weil umso weniger Zeit für die Forschung und andere Verpflichtungen bleibt, je mehr Zeit sie der Lehre widmen müssen.

Aber unter welchen Umständen besteht überhaupt die Gefahr, dass die Studierenden die Universitäten verlassen könnten? Nehmen wir an, die Studierenden möchten einen bestimmten Beruf ergreifen, für den ein bestimmter Studiengang Voraussetzung ist, und dieser Studiengang wird nur an einer einzigen Universität im ganzen Land angeboten. Dann werden die Studierenden weniger geneigt sein, der Uni den Rücken zu kehren, selbst wenn die Qualität der Lehre schlecht sein sollte.

Ergo machen Studiengebühren aus Sicht der Studierenden nur dann Sinn, wenn es ein ausreichendes Angebot an Universitäten gibt, die zueinander in Konkurrenz stehen, und die Lehrenden einen Teil ihrer Entlohnung proportional zu der Anzahl der Studierenden bekommen.