Samstag, 30. März 2013

Kommentar zu "Wir brauchen die Schlauen" (Zeit Online)

Als ich den Artikel http://www.zeit.de/2013/13/Elsbeth-Stern-Aljoscha-Neubauer-Intelligenz zu lesen begonnen habe, habe ich mir gleich vorgenommen, ihn zu zerpflücken, denn er strotzt nur so von Behauptungen, deren Grundlage fragwürdig ist.

"Wie die Schule begabte Kinder fördern muss, damit ihre Intelligenz nicht verkümmert", lautet gleich der erste Satz. Damit werden gleich zwei Dinge behauptet: Erstens, dass die Schule begabte Kinder fördern müsse, und zweitens, dass ohne schulische Förderung die Intelligenz verkümmerte.

Die Aufgabe der Schule ist die Sozialisation, die Anpassung an die Bedürfnisse der Gesellschaft. Das ist für den einzelnen Schüler in vielen Fällen eine eher unangenehme Angelegenheit. Wenn die Schule begabte Kinder fördern muss, dann bedeutet das also, dass sie die begabten Kinder so fördern muss, dass die Gesellschaft einen (noch größeren) Nutzen von ihnen hat. Es geht folglich nicht um die Bedürfnisse der Kinder. Man kann sich schon vorstellen, welchem Stress ein Kind ausgesetzt wird, wenn von ihm - einem Kind, das in erster Linie an Selbstverwirklichung interessiert ist - nicht nur gefordert wird, Leistung in dem Maß zu erbringen, wie es von allen Kindern verlangt wird, sondern in einem noch höheren Maß, eben weil es "begabt" ist.

Die zweite These ist, dass ohne (schulische) Förderung die Intelligenz verkümmere. Das ist schon eine sehr fragwürdige These. Warum sollte sich die Intelligenz nicht auch entwickeln, wenn einfach dem Kind die Möglichkeit geboten wird, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die es persönlich interessieren? Es ist natürlich klar: Die Intelligenz wird sich, wenn man dem Kind erlaubt, sich frei zu entfalten, anstatt sich an die Forderungen der Gesellschaft anzupassen, möglicherweise auf eine andere Weise manifestieren. Das Kind wird das tun, was ihm Freude bereitet, und nicht das, was andere Personen gerne von ihm hätten. Aber warum sollte die Intelligenz ohne schulische Förderung verkümmern? Verkümmert denn die Intelligenz von Erwachsenen, die ihre Schulpflicht schon erfüllt haben und deswegen keiner schulischen Förderung mehr ausgesetzt sind?

Aber kommen wir nun zur These, die im Artikel als die "erste" These bezeichnet wird: "Wir müssen den besonders intelligenten Nachwuchs fördern, denn wir brauchen ihn." Das wird wie folgt begründet: "Moderne Gesellschaften brauchen viele Menschen, die geistig flexibel sind, die Neues erfinden und entdecken, die bereit sind, Verantwortung zum Wohle aller zu tragen. Überdurchschnittliche Intelligenz ist dazu eine notwendige Voraussetzung." Angenommen, die letzte Aussage stimmt tatsächlich. Dann ist die überdurchschnittliche Intelligenz eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Warum müssen dann alle überdurchschnittlich intelligenten Kinder gefördert werden? Warum nicht nur jene, die tatsächlich "Neues erfinden und entdecken [und] bereit sind, Verantwortung ... zu tragen"? Wenn man von allen überdurchschnittlich Intelligenten verlangt, dass sie (irgendwann in ihrem Leben) "Neues erfinden und entdecken", dann setzt man sie einem unfairen Druck aus, denn es gibt eben auch überdurchschnittlich Intelligente, die trotz ihrer Intelligenz nicht über die Neigungen verfügen, welche dazu führen könnten, dass sie eines Tages "Neues erfinden und entdecken" werden. Die gleiche Argumentation gilt auch für das Tragen von Verantwortung.

In Frage zu stellen ist aber auch die Behauptung, dass überdurchschnittliche Intelligenz notwendig sei, um "Neues [zu] erfinden und [zu] entdecken" oder "Verantwortung ... zu tragen". Warum sollten durchschnittlich Intelligente dazu nicht in der Lage sein?

Weiter im Text heißt es: "Damit sie [die überdurchschnittliche Intelligenz] auch zum Tragen kommt, müssen überdurchschnittlich intelligente Menschen vor allem in der Schule so gefördert werden, dass sie ihre allgemeine Intelligenz in spezifische Höchstleistungen ummünzen können, etwa in Mathematik und Naturwissenschaften, aber auch in der Ökonomie und im sozialen Bereich. Das gelingt bislang nur unzureichend, weil überdurchschnittlich intelligente Schülerinnen und Schüler nicht genügend gefördert werden und weil es viele intelligente Arbeiter- und Einwandererkinder nicht aufs Gymnasium schaffen und somit unentdeckt in geistig weniger anregenden Schulen versauern."

Ich persönlich vertrete erstens die Ansicht, dass Personen, die sich für ein bestimmtes Fach (beispielsweise Mathematik) besonders interessieren, sich umfangreiches Wissen in diesem Fach von selbst aneignen werden und dazu nicht durch die Schule gefördert werden müssen. Zweitens stellt sich die Frage, warum besonders intelligente Personen ihr Hauptinteresse überhaupt an den Fächern, die in den Schulen und an Universitäten gelehrt werden, haben müssen. Ein Hochbegabter mag sich vielleicht für die Programmierung von Computerspielen besonders interessieren und in der Schule nur (relativ) wenig Wissen vermittelt bekommen, das hierfür sinnvoll verwendet werden könnte. Er muss sich also das meiste selbst beibringen. Und das tun viele. Somit ist wiederum fraglich, warum unbedingt die Schule die Begabten fördern müsse.

Weiter geht es mit der "sechsten" These: "Alle Menschen brauchen schulische Bildung, um ihre Intelligenz zu entwickeln. Bis zum zehnten bis zwölften Lebensjahr, also grob bis zum sechsten Schuljahr, unterliegt der IQ noch größeren Schwankungen. In dieser Zeit entscheidet die Schule nicht nur darüber, was ein Kind lernt, sondern auch darüber, ob es sein genetisches Intelligenzpotenzial entfalten kann. Deshalb muss das Lernen in der Grundschule genauso überdacht werden wie der Zeitpunkt des Übergangs aufs Gymnasium oder andere weiterführende Schulen. Inhaltlich anspruchsvoller Unterricht von fachlich und didaktisch gut ausgebildeten Lehrern ist für alle Kinder, unabhängig von ihrer Intelligenz, gut. Dabei müssen die Lehrer vor allem die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten im Blick haben, den weniger intelligenten Kindern mehr Zeit lassen und den intelligenteren Kindern mit Zusatzaufgaben mehr Denkfutter geben."

Die Behauptung, dass die Schule für die Intelligenzentwicklung notwendig wäre, ist aus bereits genannten Gründen fragwürdig: Kinder können ihre Intelligenz auch durch selbstständiges Beschäftigen mit den Dingen, die sie interessieren, entwickeln. Ob Unterricht für alle Kinder gut ist, ist ebenfalls fraglich. Manche Kinder haben es lieber, alles selbst herauszufinden, anstatt einem Erwachsenen zuzuhören, der ihnen die "Geheimnisse", auf die sie selbst durch Nachdenken und Experimentieren kommen könnten, verrät. Man kann also auch die "achte" These in Frage stellen: Kinder benötigen nicht unbedingt gute Lehrer, manche Kinder brauchen gar keine Lehrer.

Der Gipfel der Frechheit ist die Behauptung: "Die Universitäten haben ein Recht darauf, die Intelligentesten eines Jahrgangs zu versammeln, um die künftigen Verantwortungsträger in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft akademisch zu bilden." Erstens: Wer sagt, dass die "Intelligentesten eines Jahrgangs" Interesse hätten, "Verantwortungsträger in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft" zu werden? Zweitens: Wer sagt, dass die Universitäten für diese Bildung geeignet wären? Es gibt genügend Beispiele von erfolgreichen Unternehmern, die nur kurze Zeit an einer Universität studiert und ihr Studium nie abgeschlossen haben, nicht einmal mit dem Grad eines Bachelors (Bill Gates und Mark Zuckerberg sind wahrscheinlich die bekanntesten dieser Sorte). Wer sagt, dass die Universitäten über die nötige Kompetenz verfügten, die Intelligentesten so auszubilden, dass diese davon in einer späteren Tätigkeit als Führungspersönlichkeit profitieren? Vielleicht würde eine Hochschulbildung sogar schadhaft sein, weil an den Universitäten krause Theorien vermittelt werden, die das Denken der künftigen Verantwortungsträger vernebeln! Nicht zuletzt ist ja auch fragwürdig, ob die an Universitäten lehrenden Personen hochintelligent sind.

Mittwoch, 27. März 2013

Überlegungen zum Vier-Farben-Satz

Auch wenn ich der Ausbildung nach nicht Mathematiker bin, habe ich mir zum Vier-Farben-Satz (siehe Wikipedia) mehrmals Gedanken gemacht. Da ich in meiner Diplomarbeit in Informatik auch ein graphentheoretisches Thema behandelt habe, bin ich in gewissem Sinne sogar dafür qualifiziert, mir zu diesem Problem Gedanken zu machen.

Grundsätzlich ist das Vier-Farben-Problem natürlich schon gelöst, deswegen spricht man ja auch vom Vier-Farben-Satz. Aber der Beweis ist eben nicht gerade elegant. Im Originalbeweis werden über 1400 Fälle unterschieden. Erst vor weniger als 20 Jahren gelang es, die Fallunterscheidungen auf weniger als die Hälfte zu reduzieren. Wer weiß, vielleicht ist selbst das noch redundant. Ich hatte jedenfalls heute im Schlaf folgenden Einfall:

Gegeben ist ein einfacher, ungerichteter Graph G. Wenn zwei Knoten durch eine Kante verbunden sind, bedeutet das, dass sie im reduzierten Graphen G' voneinander verschieden sein müssen. Der reduzierte Graph G' sei der minimale (die Anzahl der Knoten betreffend) Graph, der in dieser Beziehung die gleichen Eigenschaften wie G hat. Das heißt, zwei Knoten in G' sind genau dann durch eine Kante verbunden, wenn die entsprechenden Knoten auch in G durch eine Kante verbunden sind.

Dieser reduzierte Graph G' hat die gleiche chromatische Zahl wie G. (Chromatische Zahl = minimale Anzahl von Farben, mit denen ein Graph gefärbt werden kann, so dass miteinander durch eine Kante verbundene Knoten zwei verschiedene Farben aufweisen.)

G' hat die Eigenschaft, dass es sich um einen vollständigen Graphen handelt, das heißt, jeder Knoten ist mit jedem anderen Knoten verbunden. Bei G' handelt es sich also um K_n.

Nun ist aber bekannt, dass K_n nur für n <= 4 planar ist. Wenn n >= 5, dann ist K_n nicht planar.

Der Vier-Farben-Satz besagt, dass jeder planare Graph mit maximal vier Farben färbbar ist. Nun ist jeder K_n mit genau n Farben färbbar. Zu zeigen ist: Jeder planare Graph G kann zu einem Graphen G' mit identischer chromatischer Zahl reduziert werden, so dass G' K_n mit n <= 4 entspricht.

Das ist deswegen eine wahre Aussage, weil der Reduktionsalgorithmus wie folgt abläuft:

1. Solange möglich, reduziere die Anzahl der Knoten durch ersatzloses Streichen von Knoten. Dadurch werden in der Regel auch Kanten entfernt. Da keine neuen Kanten hinzukommen, können keine Kreuzungen auftreten. Somit bleibt die Planarität des Graphen erhalten.

2. Wenn das nicht mehr möglich ist, dann überprüfe, ob man zwei bestehende Knoten zu einem neuen Knoten zusammenfassen kann. Das wird dann gemacht, wenn es Knoten gibt, die nur mit einer Kante inzident sind. Zwei solcher Knoten können zu einem Knoten zusammengefasst werden. Dieser neue Knoten ist dann mit den beiden adjazenten Knoten benachbart.

3. Probiere noch einmal, ob nun der erste Schritt wieder möglich ist. Falls nein: fertig. Andernfalls springe zum ersten Schritt.

Der zweite Schritt könnte, wenn er vor dem ersten Schritt angewandt würde, Kreuzungen einfügen. Aufgrund der genannten Reihenfolge der Schritte tritt dieser Fall aber nicht ein. Der zweite Schritt kommt zum Einsatz, wenn ein Zwischengraph G* einen K_n als Teilgraphen enthält und zudem Kanten, mit denen nur ein Knoten inzident ist. Bei n <= 2 ist trivial, dass diese Knoten zusammengefasst werden können, ohne dass eine neue Kreuzung entsteht. Bei 3 <= n <= 4 ist dies auch möglich, weil es immer möglich ist, diese nur mit einer Kante inzidenten Knoten in der "Außenfläche" anzuordnen. So kommt es nie zu Kreuzungen.

Meine Frage ans Publikum: Was fehlt an diesem Beweis? Mein erster Einfall war: Ich muss noch zeigen, dass jeder planare Graph zu einem K_n reduzierbar ist. Aber das habe ich doch schon gesagt: "G' hat die Eigenschaft, dass es sich um einen vollständigen Graphen handelt, das heißt, jeder Knoten ist mit jedem anderen Knoten verbunden. Bei G' handelt es sich also um K_n." Oder ist das eine Behauptung, für die ich noch einen Beweis liefern muss?

Eine kurze Skizze, wie der Algorithmus Knoten entfernt und Knoten zusammenfasst.

Erstes Beispiel:

G sei:


Hier gilt unter anderem:
A ist zu B und C adjazent
D ist zu B und C adjazent

Daher kann ich einen der beiden Knoten (A oder D) ersatzlos streichen. Übrig bleibt ein Dreieck (K_3) ABC. Die chromatische Zahl ist also 3.

Zweites Beispiel:

G sei:



Wenn ich den Knoten E betrachte:
E ist zu C und F adjazent.
Das gilt aber auch für den Knoten D. Dieser ist zwar nicht nur zu C und F adjazent, sondern auch zu B. Trotzdem kann ich den Knoten E ersatzlos streichen. Es genügt, dass die Menge der Knoten, zu denen E adjazent ist, eine Teilmenge jener Knotenmenge ist, zu der D adjazent ist.
Übrig bleibt zunächst also der gleiche Graph, aber ohne den Knoten E.

Nun ist der Knoten F nur zu D adjazent. Da es mehrere andere Knoten gibt, die ebenfalls zu D adjazent sind, kann ich F streichen. Bleibt übrig: das Viereck ABCD.

Nun gilt:
A ist zu B und C adjazent.
D ist zu B und C adjazent.
Also kann ich einen dieser beiden Knoten (A oder D) ersatzlos streichen. Nehmen wir D, dann bleibt übrig ein Gebilde mit dem Knoten A in der Mitte, der mit den beiden Knoten B und C verbunden ist. Hier kann ich wiederum entweder B oder C streichen, weil beide nur zu A adjazent sind. Übrig bleibt also ein K_2, die chromatische Zahl des Graphen G ist daher 2.

Drittes Beispiel:

G sei:

D ist zu B und E adjazent.
C ist zu A, B, E und F adjazent.
Ich kann also D ersatzlos streichen. Analog auf der anderen Seite:

F ist zu C und E adjazent.
B ist zu A, C und E adjazent.
Ich kann also F ersatzlos streichen.

Dann habe ich dasselbe Gebilde wie im ersten Beispiel. Die chromatische Zahl ist also 3.

Viertes Beispiel:

G sei:


A ist zu B und C adjazent.
E ist zu B und C adjazent.
Ich kann also E streichen.

Nun habe ich den Fall, dass ich den zweiten Schritt anwenden muss. Da D und F nur jeweils mit einer Kante inzident sind, kann ich sie zu einem neuen Knoten zusammenfassen. Dieser ist dann sowohl zu B als auch zu C adjazent.

Es ergibt sich also wieder ein Gebilde wie im ersten Beispiel, die chromatische Zahl ist also 3.

Fünftes Beispiel:

G sei:


Hier sind die Nachbarknotenmengen von A und C Teilmengen der Nachbarknotenmenge von B, analog sind die Nachbarknotenmengen von F und H Teilmengen der Nachbarknotenmenge von G, deswegen kann ich A, C, F und H ersatzlos streichen. Bleibt wieder ein Gebilde wie im ersten Beispiel übrig.

Sechstes Beispiel:

G sei:


Hier wird die Sache schon schwieriger. Hier kann man wie folgt argumentieren: Sowohl A als auch D sind zu C adjazent sowie zu einem Knoten x, der folgende Eigenschaft hat: Er ist zu C adjazent sowie zu dem jeweiligen Knoten, den wir vorhin betrachtet haben (also A bzw. D). Somit kann man entweder A und D sowie einen dieser beiden Knoten x (also B oder E) ersatzlos streichen. Bleibt übrig K_3, also ist die chromatische Zahl 3.

Siebtes Beispiel:

G sei:


Hier gilt: Die Adjazenzen von C und E sind Teilmengen der Adjazenzmenge von D, also kann ich C und E ersatzlos streichen und erhalte wieder das Gebilde von Beispiel 6. Die chromatische Zahl ist also 3.

Achtes Beispiel:

G sei:


Hier kann ich zunächst, analog zum siebten Beispiel, E entfernen, dann F. Nun kann ich G, H und I zu einem neuen Knoten vereinigen, der an C und D grenzt. Dann kann ich wieder Knoten streichen und erhalte eine chromatische Zahl von 3.

Diese Beispiele sollen veranschaulichen, wie der Algorithmus abläuft. Wahrscheinlich fehlt der Beweis, dass dieser Algorithmus mit jedem planaren Graphen funktioniert.

Sonntag, 24. März 2013

Neugründung dieses Blogs

Da ich jetzt mit dem Studium schon quasi fertig bin, habe ich mir gedacht, dass eine neue Phase in meinem Leben beginnt und daher auch dieser Blog sich ändern wird. Im Prinzip war das bis jetzt ein typisches Online-Tagebuch eines Studenten, der über das Lernen und seine Hobbys berichtet. Jetzt kann ich mit neuem Selbstbewusstsein behaupten, für diverse Dinge Fachmann zu sein, und einen Blog schreiben, in dem ich nicht nur Vermutungen und Überlegungen äußere, sondern auch fundierte Erkenntnisse.

Wenn ich mir die österreichische Bloglandschaft ansehe, wirkt sie auf mich eher traurig. Zum Beispiel habe ich vor einigen Tagen mir öfters das meistgelesene Online-Tagebuch Österreichs angesehen. Es hat viele Besucher, weil sein Autor doch recht prominent ist. Aber wirklich interessant fand ich die Inhalte nicht. Mit den meisten Analysen bin ich nicht einverstanden. Ich denke, das könnte ich besser machen. Auch wenn ich sicher - zumindest in Österreich - nicht den Bekanntheitsgrad des Autors dieses Online-Tagebuchs habe, kann ich zumindest versuchen, einen eigenen Blog von höherer Qualität zu gestalten. Ob sich die Adresse meines Blogs herumsprechen wird, steht freilich in den Sternen.

Da ich Feedback bekommen habe, dass der bisher von mir genutzte Blog-Provider LiveJournal nicht optimal sei, was das Layout und die Navigation betreffe, habe ich beschlossen, zu Blogger zu wechseln. Damit ändert sich natürlich auch die Adresse meines Blogs. Als neue Adresse habe ich cdvolko.blogspot.com gewählt. Durch Verwendung meines echten Namens trete ich hiermit (endlich?) in die Welt der Erwachsenen ein.

Die Essenz der Medizin

Es gibt in der Medizin einen Sachverhalt, dessen Kenntnis ich für sehr wichtig erachte, der aber mir selbst nie im Studium untergekommen ist. Weder in einer Vorlesung an unserer Universität noch in einem medizinischen Lehrbuch erfuhr ich davon; ich leitete ihn mir vielmehr selbst her. Daher frage ich mich, ob andere Mediziner darüber Bescheid wissen. Als Optimist, der an das Gute im Menschen glaubt, hoffe ich jedenfalls, dass viele Ärzte zu derselben Erkenntnis gelangt sind, aber es wird wahrscheinlich auch solche geben, die es nicht wissen.

Medizin beschäftigt sich mit der Behandlung von Krankheiten. Krankheiten sind abnorme Gesundheitszustände, die mit verschiedenen Symptomen einhergehen. Es sind diese Symptome, die den Patienten Sorgen machen und deretwegen sie einen Arzt aufsuchen. Nehmen wir zum Beispiel einen Patienten, der über Bauchschmerzen, Fieber und Durchfall klagt. Das sind Symptome verschiedener Infektionskrankheiten, darunter eine sehr schwere, die Cholera. Der Arzt wird daher prüfen, ob der Patient an Cholera leidet, und falls ja, wird er ihn mit Antibiotika behandeln, denn Cholera wird von Vibrio cholerae verursacht, einem Bakterium. So gehen jedenfalls die Ärzte in der Medizin gewöhnlich vor. Was ist daran aber falsch?

Nichts am Handeln des Arztes ist falsch, aber der Gedankengang ist nicht ganz korrekt. Der Denkfehler besteht in der Aussage "Cholera wird von Vibrio cholerae verursacht". In Wirklichkeit sind die Symptome nicht das Werk des Bakteriums, sondern des infizierten Körpers, der auf diese Infektion reagiert. Cholera ist eine Infektionskrankheit, und ein naiver Medizinstudent könnte glauben, an einer Infektionskrankheit zu leiden hieße, dass ein infektiöses Agens (in diesem Fall ein Bakterium) auf magische Weise den Körper des Patienten verändert. In Wahrheit tut das infektiöse Agens wenig. Ein Bakterium mag vielleicht toxische Peptide ausschütten, die für einen Teil der Symptome verantwortlich sind. Aber die meisten Symptome werden durch die Reaktion des Immunsystems auf die Infektion verursacht. Eine typische Reaktion des Immunsystems ist die Entzündung, und eine Menge Krankheiten sind Entzündungskrankheiten - wie etwa Gastroenteritis (Entzündung des Magens und von Teilen des Darms) oder Pharyngitis (Entzündung des Rachens). Wenngleich wir geneigt sind zu sagen, dass zum Beispiel Gastroenteritis vom Bakterium Helicobacter pylori verursacht werde, ist es in Wirklichkeit eine Reaktion des Immunsystems. "Rubor, Tumor, Calor, Dolor, Functio laesa" - das sind die Symptome einer Entzündung, von denen wir im Medizinstudium lernen. All diese Symptome werden vom Immunsystem verursacht.

Die Essenz besteht also darin: Während es die Symptome sind, die den Patienten stören und ihn dazu bringen, den Arzt aufzusuchen, sind sie nicht die eigentliche Gefahr, welche von der Infektion ausgeht. Nicht Fieber oder Schmerzen sind das Bedrohliche, sondern die von den infektiösen Agentien verursachten Genom-Veränderungen verschiedener Gewebezellen. Diese können unter anderem Krebs verursachen. Das ist die Gefahr, die das Immunsystem veranlasst, die Infektion heftig zu bekämpfen und keine Mühe zu scheuen, um die Eindringlinge zu vertreiben. Krebs ist eine Erkrankung, die durch Veränderungen des Genoms verursacht wird, und abgesehen von gelegentlich auftretenden Spontanmutationen sind es vor allem Viren, die sich in das Genom einer Zelle einnbauen können, auf diese Weise wichtige Genabschnitte überschreiben, die zum Schutz vor Krebs benötigt werden, und effektiv die fatale Krankheit Krebs verursachen. Außerdem können Viren auf diese Weise das Verhalten des Gewebes auch in anderer Hinsicht verändern - wie genau, kann man gar nicht vorhersagen. Dies ist die echte Bedrohung und der Grund, warum das Immunsystem so heftig reagiert und das verursacht, was wir als Krankheitssymptome wahrnehmen.

Bakterien verändern für gewöhnlich nicht das Genom menschlicher Zellen, aber sie sind selbst Zellen. Manche Bakterien werden geduldet, weil sie nützlich sind, aber andere gelten als unerwünschte Eindringlinge, eben weil sie sich genetisch von den menschlichen Körperzellen unterscheiden. Das ist der Grund, warum das Immunsystem sie bekämpft. Dieses Prinzip der Eliminierung von Zellen mit fremdem Genom kann auch bei Organtransplantationen beobachtet werden, wo es häufig zu Abstoßungsreaktionen kommt. Dagegen werden immunsupprimierende Medikamente wie Cortison verabreicht. Cortison wird auch zur Linderung der Entzündungssymptome verschrieben. In vielen Fällen ist es diskussionswürdig, ob das so gut für den Patienten ist. Aber diese Praxis zeigt deutlich, dass es eben das Immunsystem ist, welches die Symptome verursacht. Das ist etwas, das gute Ärzte wissen sollten.

Die bedauernswerte Tatsache, dass es leider nicht alle Ärzte wissen, kann man unter anderem an der Debatte in den späten 70er Jahren erkennen, als Robert Gallo erstmals postulierte, dass Viren Krebs verursachen können. Viele medizinische Wissenschaftler lehnten dieses Postulat ab, dabei ist es eine logische Konsequenz dessen, dass Viren das Genom verändern und Krebs durch genetische Veränderungen verursacht wird.

Kritischer Rationalismus versus Positivismus

Ich hatte letztens eine Diskussion mit einem guten Bekannten über Wissenschaftstheorie. Er vertrat die Meinung, dass es notwendig sei, Behauptungen zu beweisen. Es dürfe nicht zulässig sein, einfach irgendeine Behauptung zu vertreten, ohne auf Tatsachen hinzuweisen, die für die Richtigkeit dieser Behauptung sprechen.

Ich erklärte ihm, dass zunächst einmal Behauptungen (Thesen) nach dem Kritischen Rationalismus (Popper) keinen Platz in der Wissenschaft haben. Zulässig sind nur Hypothesen, also Annahmen/Vermutungen. Dabei ist zu beachten, dass es nach Popper nicht erlaubt ist, Hypothesen zu Dingen zu äußern, für die es bereits eine etablierte Theorie gibt. Denn die Theorie gilt so lange, bis sie widerlegt worden ist. Erst wenn eine Theorie widerlegt worden ist, dürfen neue Hypothesen zur Erklärung der darin behandelten Phänomene vorgeschlagen werden.

Dabei gibt es drei Kriterien, die eine Hypothese erfüllen muss: Sie muss neu (also noch nicht widerlegt), logisch und intersubjektiv-empirisch überprüfbar sein. Nur Hypothesen, die diese Kriterien erfüllen, sind zulässig. Damit wäre an sich schon der Einwand meines Gesprächspartners vom Tisch, dass Poppers Falsifikationismus Esoterikern Tür und Tor öffne, jeden Blödsinn zu behaupten. Nach Popper muss es nicht unbedingt Hinweise (Evidenz) geben, die für die Richtigkeit einer Hypothese sprechen. Aber wenn eine Hypothese nicht neu, logisch und intersubjektiv-empirisch überprüfbar ist, dann ist sie nicht zulässig. Zudem trägt nach Popper derjenige, der die Hypothese vorschlägt, die Bringschuld: Er muss angeben, unter welchen Umständen diese Hypothese als widerlegt anzusehen ist. Die Hypothese überprüfen kann dann jeder, der sich dazu berufen fühlt.

Wenn eine Hypothese einmal widerlegt worden ist, ist sie nicht mehr zulässig. Wenn etwa die Homoöpathie behauptet, eine bestimmte Substanzenmischung wäre tödlich, und ein Skeptiker diese Substanzenmischung absichtlich sich selbst zugeführt hat, um zu beweisen, dass dem nicht so ist, dann ist die Hypothese "Substanzengemisch X tötet den, der es einnimmt", ein- für allemal widerlegt. Eine weitere Diskussion darüber erübrigt sich.

Wenn eine Hypothese nicht logisch ist, ist sie ebenfalls nicht zulässig. Und sie ist auch nicht zulässig, wenn sie nicht intersubjektiv-empirisch überprüfbar ist. Beispielsweise kann die Hypothese "Es gibt einen Gott" nicht überprüft werden, unter anderem weil man nicht weiß, was ein Gott ist, und auch nicht, wo man nach einem solchen suchen sollte.

Nur ein Detail am Rande ist dann noch Poppers Forderung, dass Hypothesen möglichst unwahrscheinlich sein sollten, weil eine Hypothese umso leichter zu widerlegen ist, je unwahrscheinlicher sie ist. Das bedeutet auch, dass Aussagen wie "Alle X sind Y" oder "Immer wenn X, dann Y" Hypothesen vom Typ "Es gibt X, die Y" oder "Wenn X, dann kann es sein, dass Y passiert" vorzuziehen sind. Man bedenke auch, dass Hypothesen vom Typ "Es gibt" logisch gesehen ja gar nicht widerlegt, sondern nur bewiesen werden können; sie würden also so lange als falsch gelten, bis der Beweis erbracht wurde. Nur hier hat mein Kollege mit seiner Aussage "Behauptungen müssen bewiesen werden" in gewissem Sinne Recht.

Donnerstag, 21. März 2013

Libertäre Partei Österreichs - Begründung

Da meine Positionen zu Un- und Missverständnissen geführt haben - manche hielten sie auch für einen Witz bzw. eine reine Provokation -, möchte ich in diesem Posting näher darauf eingehen, was ich mir dabei gedacht habe und worum es mir geht.

Wie ich auf meiner persönlichen Homepage geschrieben habe, vertrete ich grundsätzlich folgende Ansichten:

"My Political Views

I believe that every human being is different and therefore I desire a social order which enables everyone to lead the life that fits his or her innate tendencies to an extent that is reasonably possible. Since the gold standard has been abolished, money is volatile. As a result, it is not possible simply to save money and live off one's savings, but one has to earn new money all the time. This forces people to work on a regular basis. If money were not volatile, this would not be necessary. In fact many people pursue jobs that are not vital for society and are just intended to keep them occupied. In my opinion, it would be better if people were able to save money so that they would not need to work and were able to spend time in better ways, such as pursuing higher education or simply enjoying life."

Also: Jeder soll seine Persönlichkeit frei entfalten könnten (in vernünftigem Rahmen natürlich), und es sollte möglich sein, Geld zu sparen und ein Vermögen anzuhäufen, so dass man irgendwann nicht mehr arbeiten muss.

Das, was ich auf der Homepage der "Libertären Partei" geschrieben habe, geht Hand in Hand mit diesen grundlegenden Prinzipien:

"Abschaffung der Schulpflicht. Kinder sollen von ihren Eltern lernen."

Die Schulpflicht ist der Persönlichkeitsentwicklung abträglich. Die Schulen schränken die Kinder in ihrer Individualität ein. Sie hemmen die Entfaltung der Talente und die Erkundung verschiedener Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten. Das alles ist bei wissenschaftlichen Untersuchungen über das Schulwesen herausgekommen. Von solchen Studien wird immer wieder auf science.ORF.at berichtet. Deswegen ist die Forderung nach einer Abschaffung der Schulpflicht eine Konsequenz meiner grundlegenden Ansichten.

"Abschaffung der Wehrpflicht. Wehrpflicht ist Zwangsarbeit und widerspricht unserer Auffassung von Menschenrechten."

An sich schon hinreichend begründet. Zudem: Wehrpflicht ist keine freie Entfaltung der Persönlichkeit. Es mag Leute geben, die gerne Soldat sind/wären. Diese können es auch weiterhin sein. Ich will das Bundesheer ja nicht abschaffen.

"Abschaffung der Bundesländer. Es genügen die beiden Ebenen Bund und Gemeinden."

Das ist eine Forderung, die auch von anderen Parteien getragen wird und sinnvoll ist. In Österreich leben nur 8 Millionen Menschen, das ist weniger als die Bevölkerung eines deutschen Bundeslandes. Österreich ist ethnisch und kulturell homogen, welchen Sinn hat es also, Bundesländer zu haben? Sie kosten nur Geld.

"Verbot, neue Schulden zu machen. Verantwortliche Politiker sollen für die Schulden, die sie machen, mit ihrem Privatvermögen haften."

Das ist Teil 1 der wirtschaftspolitischen Forderungen, die meiner Meinung nach das Wichtigste von allen diesen Punkten sind. Tatsache ist, dass Schulden das größte Übel der heutigen Zeit sind. Man sieht an Griechenland sehr klar, was auch Österreich irgendwann blühen wird, wenn es seinen Schuldenberg nicht reduzieren wird.

"Harte Währung. Bund soll aus dem Euro aussteigen und eigenes Geld herstellen. Diese Währung soll fest an den Goldpreis gekoppelt sein."

Das hat mit dem Aufbauen von Vermögen zu tun. Wenn eine Währung weich ist und es zur galoppierenden Inflation kommt, gehen die Ersparnisse bald drauf. Dann kann man kein Vermögen aufbauen. Die logische Konsequenz ist das oben Gesagte.

"Abschaffung sämtlicher Subventionen für Wirtschaftsbetriebe. Der Staat soll sich aus der Wirtschaft heraushalten."

Der dritte Teil der wirtschaftspolitischen Forderungen. Ich bin der Meinung, dass die Marktwirtschaft ein guter Mechanismus ist und Wirtschaftskrisen meistens durch staatliche Interventionen hervorgerufen werden.

"Ewige Gesetze. Recht auf Leben (einschließlich eines Verbots der Todesstrafe) und Privateigentum (auch an Produktionsmitteln) sollen als ewige Gesetze in die Verfassung eingetragen werden. Kein legales Mittel, nicht einmal eine Volksabstimmung soll zur Änderung dieser ewigen Gesetze zulässig sein."

Privateigentum an Produktionsmitteln - ja, ich will keinen Sozialismus. Das aufgebaute Vermögen soll erhalten bleiben. Recht auf Leben - was spricht denn dagegen? Andere "ewige Gesetze" habe ich nicht vorgesehen.

Sonntag, 17. März 2013

Warum Medizin ein komisches Studium ist

Medizin ist in meinen Augen vor allem deswegen ein komisches Studium, weil die Materie so tiefgründig ist, dass jeder einzelne Absatz in einem medizinischen Lehrbuch einen anregen könnte, tage- bis wochenlang zu recherchieren. Das wird im Studium aber nicht honoriert - im Gegenteil, man verliert dadurch viel Zeit und fällt bei der Fachprüfung möglicherweise erst recht durch. Was im Studium verlangt wird, ist, sich auf recht oberflächliche Weise mit dem Stoff zu beschäftigen und nicht mehr zu tun, als das, was im Lehrbuch steht, auswendig zu lernen. Nicht einmal das reicht in jedem Fall für die Prüfung, weil die Prüfer selbst unterschiedliche Lehrbuch-Präferenzen und unterschiedliche Lehrmeinungen haben.

Ich lese gerade in einem Physiologie-Lehrbuch - die Physiologie-Prüfung habe ich vor fast zehn Jahren gemacht. Viele Passagen regen an, sich näher mit der Materie zu beschäftigen. So habe ich heute beispielsweise gelesen, dass Rechenaufgaben mentalen Stress erzeugen können, der sich dadurch bemerkbar macht, dass sich die Gefäße im Unterarm erweitern. Da stellen sich gleich mehrere Fragen: Welcher Unterarm, links oder rechts? Kann diese Reaktion bei jedem Schüler beobachtet werden oder nur bei denen, die sich in Mathematik schwer tun? Das kann ja eine gewaltige Konsequenz haben: Vielleicht ist der Schüler in der falschen Schule und durch die Anforderungen der Schule überfordert.

So lädt fast jeder Absatz in diesem Lehrbuch zu einer Recherche ein - bei fast tausend Seiten Umfang. Wann hat man aber im Studium die Zeit, sich damit so gründlich zu beschäftigen?