Freitag, 31. Mai 2013

Über AIDS-Leugnung

Spiegel Online hat einen Artikel gebracht, in dem auf neue Erkenntnisse zum Thema HIV eingegangen wird. In der dazu gehörigen Diskussion haben sich - etwas anderes wäre ja auch nicht zu erwarten gewesen - wieder viele AIDS-Leugner zu Wort gemeldet, die behaupten, dass AIDS nicht durch HIV verursacht würde. Um diese "Leugnungs-Epidemie" einzudämmen, möchte ich ihre Ansichten einmal logisch analysieren.

Zunächst einmal muss man differenzieren. Ein echter AIDS-Leugner ist derjenige, der behauptet, dass AIDS nicht durch HIV ausgelöst werden könne. Behauptet man hingegen, dass AIDS nicht nur durch HIV, sondern auch durch andere Erreger verursacht werden könne, befindet man sich im Einklang mit dem Stand der Wissenschaft. Denn AIDS ist ein Syndrom, das verschiedene Krankheitsbilder umfasst, die in Folge einer Immunschwäche auftreten können. Von diesen Krankheitsbildern können auch Menschen, die nicht mit HIV infiziert sind, unter Umständen betroffen sein. Ich werde also nur erstere Position analysieren.

Wenn man sagt, AIDS werde nicht durch HIV ausgelöst, so entspricht dies der Aussage: "Alle HI-Viren haben die Eigenschaft, dass sie AIDS nicht auslösen." Das ist eine Allquantor-Aussage, und Allquantor-Aussagen können nicht bewiesen, aber unter Umständen widerlegt werden. Wie widerlegt man diese Aussage? Eine Möglichkeit: Man infiziert eine Testperson mit HIV; wenn sie im nächsten Moment charakteristische Symptome von AIDS entwickelt, ist bewiesen, dass das HI-Virus diese Symptome hervorgerufen hat. Das Problem ist jedoch, dass AIDS bekanntlich eine Inkubationszeit von zehn Jahren oder noch länger hat. Innerhalb dieses Zeitraums können verschiedene andere Umwelteinflüsse auftreten, von denen man rein logisch nicht ausschließen kann, dass sie für die AIDS-Krankheit verantwortlich sein könnten.

So gesehen, lässt sich nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, wenn man eine statistische Korrelation zwischen der Infektion mit dem HI-Virus und dem Ausbruch der AIDS-Krankheit Jahre später feststellt, sagen, dass HIV ursächlich für AIDS verantwortlich ist. Kann man bei einem AIDS-Patienten keine HIV-Infektion nachweisen, bedeutet das freilich nicht, dass HIV nicht AIDS verursachen könne; denn, wie gesagt, können auch andere Erreger die AIDS definierenden Krankheitsbilder hervorrufen. Zudem könnte auch die Nachweismethode für das Virus fehlerbehaftet sein.

Ein anderer Ansatz wäre, das Ganze pathophysiologisch zu analysieren. Warum führt eine Immunschwäche dazu, dass die AIDS definierenden Krankheitsbilder auftreten können? Und warum kann eine Infektion mit HIV eine Immunschwäche hervorrufen? Das lässt sich meines Wissens alles unter Verwendung gut gesicherter Erkenntnisse über Pathophysiologie (wenngleich freilich auch diese im Prinzip nur Hypothesen sind) erklären. (Ich gebe aber zu, dass ich das nicht im Detail kann. Das wäre eine Mammutaufgabe, denn man müsste jede einzelne dieser Hypothesen nachrecherchieren und die zugehörigen Originalpublikationen durchanalysieren.) So gesehen, bestehen für mich keine Zweifel darüber, dass eine Infektion mit dem HI-Virus Ursache einer AIDS-Erkrankung sein kann.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Hochbegabte in der Wissenschaft

Ich habe neulich viele alte Ausgaben der Vereinszeitschrift des österreichischen Hochintelligenzvereins gelesen und festgestellt, dass es eine Menge Artikel gegeben hat, die sich mit dem Thema Intelligenz beziehungsweise Hochbegabung beschäftigt haben. Mir ist dabei aber aufgefallen, dass keiner der Artikel der Beziehung zwischen Hochbegabung und wissenschaftlichem Arbeiten gewidmet war. Der folgende Artikel wird sich dieses Themas annehmen. Dabei wird dieser Artikel eher persönlich gefärbt sein, weil ich zu wenige tatsächlich getestete Hochbegabte kenne, die etwas mit Wissenschaft zu tun haben.

In unserer Gesellschaft ist es verbreitet, Wissenschaftlern, insbesondere Naturwissenschaftlern, einen besonders hohen Intelligenzgrad zuzuschreiben. Vor allem Genies wie Einstein, die etwas Neues entdeckt oder erfunden haben, das relativ weitreichende Konsequenzen für verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens gehabt hat, wird ein äußerst hoher IQ beigemessen. Dass man eine hohe kognitive Begabung braucht, um in die Forschung zu gehen bzw. in der Forschung erfolgreich zu sein, rechtfertigt, rein logisch betrachtet, nicht die Forderung, dass alle besonders Begabten in die Forschung gehen sollten. Man trifft diese Forderung aber häufig an, etwa im Forum von Spiegel Online, wo einem Informatiker mit einem angeblichen IQ von über 190 (über den Spiegel Online berichtet hatte) zum Vorwurf gemacht wurde, dass er nur als Software-Entwickler für eine Versicherungsgesellschaft arbeitet und nicht in der Forschung tätig ist. Es wurde ihm sogar abgesprochen, einen IQ von 190 haben zu können, weil er nicht Forscher ist. Das lässt also auch auf eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber der Gesellschaft schließen, dass diejenigen, die einem bestimmten Beruf nachgehen, auch ein bestimmtes Intelligenzniveau haben müssten.

Bei mir war es so, dass von Seiten meiner Eltern immer gewünscht wurde, dass ich Matura machen, danach an einer Universität studieren und irgendwann mein Studium abschließen würde. Was ich dann mit dem Studienabschluss anfinge, bliebe mir überlassen. In meinem Fall bestand aber schon seit Kindheitstagen der Wunsch, Wissenschaftler zu werden, wobei mich eigentlich die Lehre noch mehr als die Forschung reizte. Es war also klar, dass ich nach bestandener Matura studieren würde - welches Fach, war aber offen. Da ich mich nach der Matura nicht entscheiden konnte, folgte ich zunächst den Vorstellungen meiner Eltern und studierte Medizin, freilich ohne jegliches Interesse an der praktischen Tätigkeit eines Arztes zu haben, aber stets mit großem Interesse an der biologisch-medizinischen (Grundlagen-)Forschung.

Wenn man sich ansieht, was hier in Österreich unter dem Stichwort "Begabtenförderung" angeboten wird, dann liegt der Schwerpunkt, soweit ich Einblick habe, eindeutig in den Naturwissenschaften. Ein privater Verein beispielsweise, der von einigen ehemaligen Mitgliedern des österreichischen Hochintelligenzvereins gegründet wurde, bietet sozusagen "Nachhilfeunterricht" auf hohem Niveau in Physik, Chemie, Mathematik und verwandten Gebieten an. So gesehen, hätte eigentlich jeder erwachsene Hochbegabte, der nicht in einem naturwissenschaftlichen Bereich arbeitet, seinen Beruf verfehlt.

Mit dem Medizinstudium habe ich in dieser Beziehung Glück gehabt, denn das Medizinstudium ist ja im Prinzip doch vor allem ein naturwissenschaftliches Studium, auch wenn es einige geisteswissenschaftliche und sehr viele praktisch-handwerkliche Elemente enthält. Aber ich gehöre zumindest innerhalb des österreichischen Hochintelligenzvereins zu einer Minderheit. Die meisten Mitglieder haben nicht das aus ihrem Leben gemacht, was die Gesellschaft (anscheinend) von Hochbegabten erwartet. Manche haben ihre Schullaufbahn sogar vor der Matura beendet. Die wenigsten Akademiker innerhalb des Vereins sind zudem in der Forschung tätig, eher arbeiten sie als kaufmännische oder technische Angestellte in der Privatwirtschaft oder im öffentlichen Dienst und gehen Aktivitäten wie Management, Schulungen und diversen Dienstleistungen nach. Natürlich ist der Verein nicht unbedingt für die Gesamtheit der Hochbegabten dieses Landes repräsentativ, aber über ein besseres Sample als den Verein verfüge ich nicht.

Wenn so viele Hochbegabte nicht in der Forschung tätig sind, was ist da schief gelaufen? Wurden die Hochbegabten vielleicht nicht rechtzeitig als hochbegabt erkannt und deswegen im langwierigen Selektionsprozess, den unser Bildungssystem darstellt, vorzeitig "aussortiert"? Oder ist es vielleicht zum Teil auch so, dass die Hochbegabten sich einfach nicht für diese Dinge interessiert haben, von denen normale Leute glauben, dass sie für Hochbegabte besonders reizvoll wären? Vielleicht ist auch einfach die Nachfrage an hochbegabten Mitarbeitern in der Wissenschaft gar nicht so groß, wie in den Medien immer behauptet wird. Gerade letztere Möglichkeit erscheint mir sehr plausibel.

An den Universitäten hat mich jedenfalls niemand je nach meinem Intelligenzquotienten gefragt. Auch nicht nach meinen Schulnoten oder nach den Noten im Maturazeugnis. Einigen Professoren und Dozenten bin ich im Lehrbetrieb aufgefallen, weil ich fachlich gut war, zum Beispiel am Anfang des Medizinstudiums in Chemie, Physik und Biologie oder in meinem Zweitstudium (Informatik) in fortgeschrittener theoretischer Informatik. Dennoch habe ich keine spezielle Förderung durch einzelne Universitätsmitarbeiter erhalten. Ich musste mich genauso durchbeißen und hart arbeiten wie jeder andere Studierende auch. Gerade im Medizinstudium hat kognitive Begabung (beziehungsweise das, was durch den Intelligenztest gemessen wird) nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Im Vordergrund stand das Auswendiglernen von Fakten, von denen nur ein kleiner Teil für das Verständnis der Materie wichtig war. Nie wurde ich auch nur persönlich angesprochen und eingeladen, bereits während des Studiums an einem Forschungsprojekt mitzuarbeiten (ich hatte ja geglaubt, man würde händeringend nach Studierenden mit hohem IQ suchen, damit sie mithelfen könnten, die großen Probleme der Menschheit zu lösen, die für durchschnittlich intelligente Menschen zu schwierig wären). Dass ich während des Studiums einen Monat lang in einem Forschungslabor mitarbeiten durfte, ergab sich bloß durch Zufall.

Insgesamt bin ich der Meinung, dass extrem Hochbegabte ohnehin in erster Linie für theoretische Arbeiten geeignet wären, wie etwa, neue Hypothesen und Erklärungsmodelle zu entwickeln und sie auf logische Konsistenz zu überprüfen. Für das praktische Durchführen von Experimenten braucht man gar nicht so viel Hirn. Und in der Medizin ist die Forschung sowieso eher praktisch ausgerichtet. Da geht es nicht allzu sehr um Theorie. So gesehen, wären vielleicht Fächer wie Mathematik, Informatik, Physik oder Philosophie für Hochbegabte eher geeignet.

Jedenfalls meine ich, dass die Forderung, alle Hochbegabten sollten in die Forschung gehen, nicht gerechtfertigt ist. Eine wissenschaftliche Karriere sollte man meiner Meinung nach allenfalls dann anstreben, wenn einen ein bestimmter Wissenschaftszweig wirklich interessiert. Ich halte auch die Annahme für gerechtfertigt, dass ohnehin nur die, die wirklich Interesse an einem bestimmten Fach haben, in der Wissenschaft etwas im positiven Sinne Weltbewegendes erreichen könnten. Alle Anderen sollten, unabhängig von der Begabung, einfach den Beruf anstreben, von dem sie glauben, dass er sie glücklich machen würde, und ihr Leben, soweit möglich, genießen.

Montag, 27. Mai 2013

Anpassungsschwierigkeiten

In Hochbegabtenforen trifft man sehr häufig Leute an, die klagen, dass sie trotz ihrer Begabung in der Schule nicht besonders gut gewesen seien. In einem solchen Fall kann man entweder sich selbst die Schuld geben oder die Schuld bei anderen Personen suchen. Meiner Erfahrung nach geben die meisten sich selbst die Schuld. Sie werfen sich vor, nicht fleißig genug gewesen zu sein. Dabei ist es meiner Meinung nach aber sehr wohl legitim, die Schuld dem System zu geben.

Denn es ist nicht richtig, dem Hochbegabten mangelnde Anpassung an externe Anforderungen vorzuwerfen; das Externe ist nämlich nicht absolut. Die Umweltbedingungen können sich ändern. Im Prinzip ist unser ganzes politisches und gesellschaftliches System ein Provisorium. Es hat sich zu einem gewissen Grad bewährt, das System funktioniert mehr oder weniger; es erfüllt aber nicht den Anspruch, allen Menschen gerecht zu werden. Wenn gerade ein Hochbegabter im System versagt, wo man doch von Hochbegabten erwarten würde, dass sie von allen Menschen geistig am leistungsfähigsten wären, dann ist der Fehler meiner Meinung nach eindeutig im System zu suchen. Das System hindert die Hochbegabten daran, ihre Leistungsfähigkeit optimal zu entfalten. Es zwingt sie, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sie nicht interessieren, und hindert sie daran, in den Bereichen, die sie faszinieren, Spitzenleistungen zu erbringen.

In diesem Zusammenhang wieder ein Zitat eines Mitglieds des Hochintelligenzvereins, mit dessen Äußerungen ich mich in diesem Blog, nebenbei bemerkt, schon öfters beschäftigt habe: "Es ist schön, wenn du im Studium so erfolgreich sein wirst, aber im Leben wirst du nicht nur Erfolge haben." Das ist wieder eine Denkweise, die mir nicht gefällt, impliziert sie doch, dass man bislang das echte Leben noch nicht kennengelernt hätte. Mir ist schon klar, dass er vom Leben spricht und damit eigentlich das Berufsleben meint, aber Leben mit Berufsleben gleichzusetzen, ist meines Erachtens unzulässig. Auch ein Studierender lebt und sammelt Erfahrungen. Zudem unterstellt er auch, dass man bislang noch nicht berufstätig gewesen sei, was in meinem Fall sicher nicht zutrifft. Die intensive Arbeit an meiner Zeitschrift, die vor wenigen Tagen ihren 17. Geburtstag gefeiert hat, war für mich stets mehr als ein Hobby und um einiges anstrengender als die sonstigen Beschäftigungen, denen ich in meiner Freizeit gelegentlich nachging.

Asperger

Seit einigen Jahren wird nicht nur die Hochbegabung in den Medien immer wieder thematisiert (so bringt derzeit unter anderem Spiegel Online - wieder einmal - eine Serie zu diesem Thema), sondern auch ein Phänomen, das mit dieser in einer gewissen Beziehung steht, aber im Gegensatz zur allgemeinen Hochbegabung als Krankheit gewertet wird. Die Rede ist vom Asperger-Syndrom. Während man früher manche Leute bloß als ein bisschen eigen, introvertiert oder auch als "Freaks" bzw. "Nerds" bezeichnet hat, so gibt es nun einen handfesten Begriff, der gewisse dieser Charakterzüge beschreibt und sie zu einem Krankheitsbild erklärt. In Folge dessen müssen die Freaks von früher heutzutage immer öfter erleben, dass sie von Leuten (wohlgemerkt: meistens handelt es sich dabei um medizinische Laien!) als Asperger-Autisten bezeichnet werden.

Ob man jemanden einen "Freak" oder einen "Aspie" nennt, ist grundsätzlich ja eigentlich nicht von Belang. Das Problem ist nur, dass das Asperger-Syndrom eben eine Krankheit ist, beziehungsweise zumindest postuliert wird, dass es sich dabei um eine Krankheit handeln soll. Das bedeutet, dass die früher als Freaks Bezeichneten nicht bloß ein bisschen eigen, sondern sogar behandlungsbedürftig wären.

Das heißt im Prinzip, dass die Gesellschaft intoleranter geworden ist. Man nimmt nicht mehr zur Kenntnis, dass manche Leute halt ein bisschen anders als die meisten sind, sondern glaubt, dass diese Leute Bedarf an Heilung hätten. Dabei ist aber Krankheit ein subjektiver Begriff. Krankheit ist das Gegenteil von Gesundheit, und die WHO definiert Gesundheit als einen "Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens". So gesehen, ist auf der einen Seite kaum jemand völlig gesund; auf der anderen Seite aber könnte das, was im Volksmund nun als Asperger-Syndrom bezeichnet wird, im Einzelfall gar nicht zu einem derartigen Leidensdruck führen, dass der Betroffene dringend eine Behandlung benötigte.

Überhaupt ist aus meiner Sicht zweifelhaft, dass es sich beim Asperger-Syndrom um eine Krankheit handelt. Das Problem ist hauptsächlich, dass die Ursachen unbekannt sind. Postuliert werden Entwicklungsstörungen des Gehirns; doch mit bildgebenden Verfahren (CT, MRT) ist es bisher nicht gelungen, bei Asperger-Patienten irgendeine Abweichung in der Gehirn-Morphologie festzustellen, die im Vergleich zu "normalen" Menschen signifikant gehäuft wäre. Die Diagnose wird also rein symptomatisch gestellt. In diesem Zusammenhang muss man aber bedenken, dass die Psychiatrie auch ein Krankheitsbild namens "schizoide Persönlichkeitsstörung" kennt, das in seinen Symptomen dem Asperger-Syndrom ähnlich, aber - wie man annimmt - nicht durch eine Gehirnentwicklungsstörung bedingt ist. Die Differenzialdiagnose kann sich im Einzelfall sehr schwierig gestalten. Dementsprechend ist davon auszugehen, dass häufig Fehldiagnosen erfolgen.

Die Frage ist aber auch, ob Ärzte überhaupt dazu qualifiziert sind, bei jemandem das Asperger-Syndrom zu diagnostizieren, handelt es sich doch in der medizinischen Ausbildung um ein absolutes Randthema, das in vielen Lehrbüchern der Neurologie und der Psychiatrie überhaupt nicht und im Rest nur am Rande, im Umfang von wenigen Absätzen, erwähnt wird.

Tatsächlich sind es, wie gesagt, meistens gar nicht Ärzte, die bei jemandem das Asperger-Syndrom diagnostizieren, sondern medizinische Laien, die in den Medien von dieser "Krankheit" erfahren haben. Rechtlich gesehen, ist die Diagnose durch Laien natürlich unzulässig. Das ändert aber nichts daran, dass Computerfreaks und andere Introvertierte mit stark ausgeprägten Spezialinteressen nun, den Medien sei "Dank", damit zu kämpfen haben, von ihren Mitmenschen als "Aspies" abgestempelt zu werden.

Blog-Statistiken

Der von mir nun genutzte Blog-Provider Blogger hat gegenüber dem von mir früher genutzten Provider LiveJournal den großen Vorteil, dass er mir anzeigt, wie oft einzelne Blog-Postings aufgerufen wurden. Wohlgemerkt: Wenn jemand nicht ein bestimmtes Posting aufruft, sondern nur die "allgemeine" Adresse des Blogs, wird nicht registriert, wie oft er welches Posting gelesen hat. Eh klar! Aber da ich in Facebook und Google+ direkte Links zu meinen einzelnen Blog-Postings bringe, ist diese Statistik dennoch aussagekräftig.

Die Top 7 meiner Blog-Postings sind demnach:

1. Warum ich mich von Foren verabschiedet habe - 85
2. Überlegungen zum Vier-Farben-Satz - 83
3. Warum Altruismus ein Zeichen von Unreife ist - 75
4. Warum ich den Nobelpreis anstreb(t)e - 67
5. Was ich aus heutiger Sicht anders gemacht hätte - 56
6. Stochastische Unabhängigkeit - 49
7. Lässt sich mit Informatik Geld verdienen? - 46

Das zeigt, dass interessanterweise vor allem die persönlichen Postings auf Interesse stoßen, sowie die Postings zu mathematischen Themen. Die medizinischen Themen sind hingegen mehr oder weniger weit abgeschlagen:

- Die Essenz der Medizin - 44
- Mein Weg zur Medizin - 37
- Das Medizinstudium - Meine Erfahrungen - 36
- Medizinische Genetik - 21
- Die Fächer im Medizinstudium - 20
- Das Human Brain Project - 7

Möglicherweise sind die medizinischen Themen zu speziell, bzw. habe ich zu wenige an Medizin interessierte Personen unter meinem Bekanntenkreis. In der Tat habe ich zwar im Lauf meines Studiums, vor allem in den ersten Semestern, mit vielen Studienkollegen gesprochen, aber nur wenige dauerhafte Beziehungen geknüpft, und so scheinen auch nur ganz wenige Mediziner unter meinen Facebook-Kontakten auf. Diese werden zudem durch den Beruf bedingt wahrscheinlich nicht die Zeit haben, meinen Blog regelmäßig zu lesen.

Wohlgemerkt: Das Posting über das Human Brain Project habe ich nur auf Google+ verlinkt, weil ich den Inhalt dieses Postings bereits zuvor direkt auf Facebook gestellt hatte. So dient dieses Posting möglicherweise als Benchmark für das Interesse, das meinem Blog von seiten meiner Kontakte auf Google+ entgegen gebracht wird. Momentan habe ich auf Google+ noch wesentlich weniger Kontakte als auf Facebook.

Hochbegabte und der Umgang mit Menschen

Hochbegabten wird oft vorgeworfen, nicht gut mit Menschen umgehen zu können. Das mag zweierlei Ursachen haben: einerseits könnte es an der Intelligenz selbst liegen, andererseits aber auch an von der Intelligenz an sich unabhängigen Persönlichkeitsmerkmalen, die bei einzelnen Hochbegabten auftreten. Während ich früher eher Anhänger der zweiten Theorie war, muss ich sagen, dass ich inzwischen auch einsehe, dass die kognitive Begabung selbst das Problem sein kann.

Es gibt ja verschiedene Ausprägungsgrade der Hochbegabung. Im österreichischen Hochintelligenzverein ist es so, dass darauf nicht Wert gelegt wird. Innerhalb des Vereins gilt jedes Mitglied als gleichberechtigt. Aber in der Realität gibt es sehr wohl Unterschiede. Wenn jemand knapp über dem Aufnahme-Kriterium liegt, wird er wahrscheinlich noch einen recht guten Draht zu seinen nicht hochbegabten Mitmenschen haben. Je stärker die Hochbegabung ausgeprägt ist, umso schwerer hat man es.

Der Grund ist einfach, dass Intelligenztests verschiedene Komponenten der kognitiven Begabung messen, von denen aber die wichtigste und auf den IQ-Wert am meisten Einfluss habende die "Reasoning Ability" ist. Darunter versteht man, grob gesagt, die Fähigkeit, vernünftig zu denken und vernunftgemäß zu handeln. Die meisten Menschen sind eben nur zu einem gewissen Grad vernunftbegabt. Durchschnittlich intelligente Personen, vor allem jüngeren Alters, verhalten sich oft unvernünftig. Und das kann der Höchstbegabte eben nicht nachvollziehen. Deswegen ist es schon richtig, wenn man sagt, dass sich Höchstbegabte oft nicht in andere Menschen hineinversetzen können. Das Denken der Begabten ist derart präzise, dass sie nicht nachvollziehen können, wie andere auf die logischen Kurzschlüsse kommen, die ihr Handeln in vielen Situationen prägen. Hierher passt auch der Vorwurf, der vielen Hochbegabten gemacht wird, dass sie an Asperger-Autismus litten: Asperger-Autisten fehlt ja angeblich die natürliche Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, weswegen sie den Umgang mit Menschen wie eine Sprache erlernen müssen. Mir erscheint es logisch, dass sehr intelligente Menschen diese Fähigkeit eben wegen ihrer Intelligenz nicht oder nur zu einem geringen Grad haben. Ist die Diagnose Asperger-Syndrom in diesen Fällen gerechtfertigt? Meiner Meinung nach nein.

Es ist völlig nachvollziehbar, dass man erst durch viel Lebenserfahrung erlernen muss, wie die meisten anderen Menschen ticken, wenn man selbst aufgrund seiner höheren kognitiven Begabung (und in manchen Fällen nur deswegen) anders als sie tickt.

In diesem Zusammenhang sei auch gesagt, dass natürlich auch die vorhandenen IQ-Tests nicht das Gelbe vom Ei sind. Extreme Begabungen können mit manchen Tests gar nicht festgestellt werden. Da Menschen fast immer Fehler machen, auch wenn sie extrem begabt sind, kommt bei manchen Tests (vor allem bei solchen mit einem Cut-Off nur knapp über zwei Standardabweichungen über dem Durchschnitt) bei vielen Probanden auch nur ein leicht überdurchschnittlicher Wert heraus, obwohl manche von ihnen in einem entsprechend anspruchsvoller gestalteten Test einen Wert im Bereich der Hoch- oder gar der Höchstbegabung erreichen könnten.

Meine Gedanken zur Studienwahl

Dass ich Medizin studiert habe, war im Prinzip das Blödsinnigste, was ich je gemacht habe. Denn ich bin inzwischen der Meinung, dass man das Studium an der Universität in erster Linie als Berufsausbildung betrachten sollte, und das bedeutet, dass man das studieren sollte, worin man bereits relativ gut ist - in meinem Fall wäre also in erster Linie Informatik in Frage gekommen, als Alternativen dazu Mathematik, Physik, eventuell Chemie oder auch Philosophie (aber was kann man mit Philosophie schon beruflich anfangen?). Das Medizinstudium war für mich hingegen keine Berufsausbildung, sondern diente dem Zweck, meinen geistigen Horizont zu erweitern. Man kann auch die Universität zu diesem Zweck nutzen, allein: ein komplettes Medizinstudium nur aus diesem Grund zu absolvieren, rechtfertigt den damit verbundenen Aufwand nicht.

Medizin sollte man nur studieren, wenn man wirklich Arzt werden möchte. Für andere Berufsbilder, wie etwa Forschung, Journalismus oder pharmazeutische Industrie, sind andere Studiengänge besser geeignet.

Ganz ohne Nutzen war das Medizinstudium aber für mich nicht, denn sobald ich den Promotionsbescheid in der Hand halten werde, werde ich mich wenigstens "Doktor" nennen können. Das ist nur mehr eine Frage von wenigen Tagen.

Sonntag, 26. Mai 2013

Über den Absolutheitsanspruch

Was mich immer wieder ärgert, ist, wenn ich einer Person begegne, die in weltanschaulichen Fragestellungen einen Absolutheitsanspruch erhebt. Hier in Österreich gibt es nicht wenige Leute dieser Art. Ich vermute, dass sie durch ihre Erziehung weltanschaulich geprägt wurden und nie gewisse Dinge, die ihnen von Altvorderen als "Wahrheiten" vermittelt wurden, ernsthaft in Frage gestellt haben. Mich wundert es schon, wenn jemand - noch dazu, wenn diese Person in einem Intelligenztest gut abgeschnitten hat - bestimmte Ansichten für absolut wahr hält und nicht erkennt, dass es sich um subjektive Ansichten handelt, über die man (zumindest nach aktuellem Stand der Wissenschaft - wobei natürlich auch der Anspruch der Wissenschaft auf Wahrheit in Frage zu stellen ist) kein objektives Urteil abgeben kann.

Um ein konkretes Beispiel zu bringen, werde ich über eine Bekannte reden, die früher im österreichischen Hochintelligenzverein Mitglied war. Beruflich ist sie Didaktikerin und fördert insbesondere hochbegabte Kinder und Jugendliche. In den Sechziger Jahren in eine eher bildungsferne Familie geboren, setzte sie durch, dass sie nach dem Hauptschulabschluss ein Oberstufenrealgymnasium besuchen durfte; danach studierte sie an diversen Universitäten und schloss zwei Studien mit dem Magistergrad ab. Sie lernte einen offenbar recht wohlhabenden Mann aus streng konservativer Familie kennen, heiratete ihn und bekam zwei Kinder, die ihre Schulpflicht in katholischen Eliteschulen erfüllten. Der Mann machte in der Wirtschaft Karriere, arbeitete sich zum Generaldirektor hoch; so hatte sie keine finanzielle Sorgen und konnte sich ihrer Berufung, der Förderung hochbegabter Kinder, widmen.

Ob sie ihre Weltanschauung nun durch die Eltern erhalten hat oder eher durch ihren Mann, sei dahingestellt. (Auch beziehungsweise gerade unter Bildungsfernen gibt es Konservative.) Insgesamt kann man jedenfalls sagen, dass es ihr in ihrem Leben sehr um sozialen Aufstieg, unter anderem durch Bildung, gegangen ist. Was ich nun als Beispiel für die Geisteshaltung bringen möchte, die ich in diesem Aufsatz kritisiere, ist eine Äußerung, die sie in einer der wenigen persönlichen Begegnungen, die ich mit ihr hatte, getätigt hat. Das Gesprächsthema war ein anderes, junges Vereins-Mitglied; über dieses meinte sie: "Er ist witzig-kreativ, aber er weiß noch nicht, worauf es im Leben ankommt." Gute Frau, worauf kommt es denn im Leben an?

Jeder Mensch ist anders. Es ist schon klar, dass jeder das Bestreben hat, genug Geld zu verdienen, um sich das Nötigste zu leisten - Nahrung, Wohnen und sonstige Grundbedürfnisse. Aber alles darüber hinaus ist individuell verschieden. So gesehen, ist es unzulässig, den Anspruch zu erheben, absolut zu wissen, was jemand in seinem Leben erreichen will.

Was die berufliche Tätigkeit dieser Frau angeht, lässt dieses Symptom einer Geisteshaltung nur Übles erahnen: Gerade weil sie sich auf die Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher spezialisiert hat, ist anzunehmen, dass sie auch bestimmte Vorstellungen hat, welche Ziele hochbegabte Menschen anzustreben und welche Leistungen sie zu erbringen haben. Dabei ist Hochbegabung ja nichts anderes als eine Fähigkeit, die durch den Intelligenztest gemessen wird, aber mit zahlreichen weiteren Persönlichkeitsfaktoren weitgehend unkorreliert, und die Persönlichkeit hat den wesentlich größeren Einfluss auf die individuellen Ziele.

In der FAZ gab es vor kurzem einen Artikel über die österreichische Gesellschaft, in dem behauptet wurde, es gäbe in diesem Land vor allem zwei Arten von Menschen, nämlich Rote und Schwarze. Als einer, der nicht eindeutig einem dieser beiden Lager zuzuordnen ist, bin ich wohl so etwas wie ein Außerirdischer. Wenn, dann stehe ich, von meiner familiären Herkunft her betrachtet, den Roten näher. (Bei intensiver Selbstbeobachtung habe ich aber bemerkt, dass ich den Suppenlöffel meinem Mund tatsächlich meistens von der Seite her zuführe, wie es laut diesem Artikel die Christdemokraten tun; ich vermute, dass sich das zufällig entwickelt hat, ohne dass eine tiefere Bedeutung dahinter steckt.) Gerade die Schwarzen erwecken bei mir als Medienbeobachter oft den Eindruck, dass sie glauben, die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben. Das wirkt sehr arrogant und befremdlich. Gerade dieser Absolutheitsanspruch macht die christdemokratische Partei mir unsympathisch. Dass gerade diese Partei so ist, ist aber leicht zu erklären: Immerhin ist sie ja eine religiös geprägte Partei.

Die katholische Erziehung ist etwas, das ich nur aus Berichten anderer Personen kenne. Ich hatte ja das Glück, in einer nichtreligiösen Familie aufgewachsen zu sein. Durch das, was ich von anderen Menschen gehört habe, habe ich den Eindruck gewonnen, dass die katholische Erziehung sehr autoritär ist; man wird innerhalb einer gesellschaftlichen Hierarchie einer bestimmten Position zugeordnet und hat die jeweils übergeordnete Ebene zu respektieren; ein Hinterfragen oder gar In-Frage-Stellen der Meinungen, die die höheren Ebenen von sich geben (wobei sie oft einen Absolutheitsanspruch vertreten), ist nicht erwünscht.

Wenn man weiß, dass viele Menschen in diesem Lande so erzogen worden sind, dann versteht man vielleicht ein bisschen, warum sie dann als Erwachsene diesen Absolutheitsanspruch erheben. Ich lehne es aber ab, dass jemand über mich bestimmen darf, vor allem, wenn er sich nur auf so genannte "Wahrheiten" beruft und nicht zumindest teleologisch argumentiert. Dass man Kinder auf diese Weise erzieht, sehe ich noch ein, auch wenn ich es nicht für gut erachte; Erwachsenen sollte man aber schon genügend Vernunftbegabung und einen eigenen Willen zugestehen. (Im Prinzip sollte man das auch Kindern schon zugestehen.)

Samstag, 25. Mai 2013

Das Human Brain Project

Der Trailer auf http://www.humanbrainproject.eu/ und die weiteren Ausführungen auf den einzelnen Unterseiten haben mich nicht völlig davon überzeugt, dass dieses durchaus sehr ehrgeizige Projekt von Erfolg gekrönt sein wird. Im Prinzip handelt es sich um ein Software-Entwicklungs-Projekt, dessen Ergebnis ein Programm sein soll, das das menschliche Gehirn simuliert, basierend auf Unmengen von Daten, die in Jahrzehnten der Forschung gesammelt wurden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die vorhandenen Daten ausreichen, um dieses Ziel zu erreichen. Jedoch könnte dieses Projekt Forschern zeigen, wo es noch Wissenslücken gibt, die durch weitere Forschung gefüllt werden müssten.

Die Autoren der Website geben selbst zu: "Today, the knowledge we need is lacking." (http://www.humanbrainproject.eu/why_the_human_brain.html) Das ist auch meine Vermutung: Das Wissen reicht nicht aus, um ohne weitere Grundlagenforschung ein Programm entwickeln zu können, das das menschliche Gehirn komplett simuliert. Und die Erkenntnisse, die man durch die Umsetzung dessen, was man bereits zu wissen glaubt, gewinnen kann, könnte man theoretisch auch durch intensives Nachdenken gewinnen - der Computer vereinfacht den Erkenntnisprozess nur. Wie Prof. Freissmuth mir bei meiner Pharmakologie-Prüfung gesagt hat: "Computermodelle funktionieren nur deduktiv."

Trotzdem ist es gut, dass wenigstens versucht wird, Software zu entwickeln, die von so vielen durch Forschung gewonnenen neurowissenschaftlichen Daten wie möglich Gebrauch macht.

Interessant ist, nebenbei bemerkt, auch diese Aussage: "Modern neuroscience has generated deep insights into every level of brain organisation – from genes to cognition. To date, however, there is no consensus about how to fit the different levels together: some neuroscientists believe that a conceptual, theoretical approach is a prerequisite for making sense of the system’s deep mechanics; others take the opposite approach, arguing that the only way to understand higher level emergent phenomena is to understand the underlying mechanics first. The HBP recognises the value of both strategies – especially where they converge." (http://www.humanbrainproject.eu/future_neuroscience.html)

Offenbar sind damit der emergenztheoretische und der reduktionistische Ansatz gemeint. Beide Ansätze sind also laut Human Brain Project zulässig und es macht Sinn, beide gleichzeitig zu verfolgen, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. In der aktuellen Ausgabe der Vereinszeitschrift des österreichischen Hochintelligenzvereins (Nummer 366) gab es einen sehr interessanten Artikel über ein Buch eines Physik-Nobelpreisträgers, in dem diese Frage ebenfalls diskutiert wurde.

Donnerstag, 16. Mai 2013

Eric Kandel und die Juden

Vorgestern war im Fernsehen eine Sendung über den Gedächtnisforscher Eric Kandel. Dazu würde ich gerne zwei Dinge bemerken.

Zuerst einmal: Erst gestern habe ich mich (beim Nachdenken über das, wovon ich im nächsten Absatz schreiben werde) erinnert, dass ich Kandel ja einmal persönlich begegnet bin und mit ihm einige Worte gewechselt habe. (Ich fragte ihn, ob er der Meinung ist, dass in nächster Zeit wieder einmal ein Österreicher den Nobelpreis bekommen werde, und er meinte, ja.) Dass ich nicht bereits während der Sendung an diese Begegnung gedacht habe, ist ein Beweis dafür, dass ich mittlerweile schon so lange in "gewissen Kreisen" verkehre, dass es für mich offenbar nichts Besonderes mehr ist, einem Nobelpreisträger persönlich begegnet zu sein.

Das Andere: Mehr noch als über die Forschung handelte die Sendung von Kandels Verhältnis zum Judentum, wobei es sich zeigte, dass seine emotionale Verbundenheit damit sehr stark ist. Für Kandel ist das Judentum ein Teil seiner "Identität", wie er selbst sagt. Meiner Meinung nach ist dieses emotionale Verhältnis aber eigentlich ein Beweis dafür, dass Kandel kein "echter" Jude im religiösen Sinn ist. Kandel sagte ja auch selbst im Film, er sei "überhaupt nicht orthodox". Ein orthodoxer Jude lebt ganz im Sinne der Torah; für ihn ist es selbstverständlich, Jude zu sein. Kandel hingegen ist säkular; er ist durch und durch Wissenschaftler und arbeitet an seinen Forschungen wohl ohne sich ständig zu fragen, ob die Ergebnisse seiner Tätigkeit mit den religiösen Lehren vereinbar sind. Dennoch - oder gerade deswegen - fühlt er sich dem Judentum stark verbunden, hält sogar manchmal vor jüdischen Gemeinden wissenschaftliche Vorträge. So erinnert Kandel mich an manche Bekannte von mir, die in eine Religionsgemeinschaft hineingeboren und religiös erzogen worden sind, aber als Erwachsene ihre Religion aufgaben und nun auf Facebook angeben, "Atheisten" zu sein. Diese Leute fühlen sich dem Atheismus emotional wohl ähnlich stark verbunden wie Kandel dem Judentum. Manche sind sogar "Kampfatheisten" und versuchen zu missionieren. Aber in bestimmten Situationen kommt die religiöse Prägung doch wieder zum Vorschein. Beispielsweise hat ein mir bekannter Kampfatheist, Mitglied des österreichischen Hochintelligenzvereins, vor einiger Zeit Stimmung gegen ein weibliches Mitglied desselben Vereins gemacht, weil es damals, ohne jemals verheiratet gewesen zu sein, mit dem vierten Kind vom vierten Mann schwanger war. Seine Vorbehalte sind in der katholischen Sexualmoral begründet, die ihn offensichtlich noch immer prägt, obwohl er sich selbst als Atheist bezeichnet und offensiv gegen Religion Werbung macht. Ich hingegen bezeichne mich auf Facebook nicht als Atheist, sondern in meinem Facebook-Profil steht: "Religious views: None". Das liegt daran, dass ich nie irgendeiner Religionsgemeinschaft angehört habe und überhaupt nicht religiös erzogen worden bin. So bin ich wie ein orthodoxer Jude - genau so, wie für ihn das Judentum eine Selbstverständlichkeit ist, ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, keiner Religion anzugehören. Die emotionale Bindung zum Atheismus, die viele Neo-Atheisten haben, fehlt bei mir. Kandel hat eine solche emotionale Bindung zum Judentum, obwohl er Wissenschaftler und damit im Prinzip Atheist ist.

Allerdings kann ich es gut nachvollziehen, wenn man wie Kandel von der Religion seiner Vorfahren fasziniert ist. Ja, Religionen eine gewisse Ausstrahlungskraft auf Menschen, für die sie nicht zum Alltag gehören.

"Ein kleiner Wissenschaftler"

Zu Beginn meiner Gymnasialzeit meinte meine damals neue Klassenvorständin gegenüber meiner Mutter: "Ihr Sohn ist ein kleiner Wissenschaftler." Das war positiv gemeint, und diese Bemerkung hat mich gefreut, weil ich tatsächlich schon damals eine Hochschulkarriere anstrebte. Dass "little professor" im angelsächsischen Sprachraum auch eine gängige (liebevolle) Bezeichnung für Kinder mit Asperger-Autismus ist, weil diese von ihrem Habitus her an Professoren erinnern (selbst wenn sie nicht vorhaben, eines Tages solche zu werden), ist eine andere Sache. Bei mir war es jedenfalls so, dass ich mich schon - beziehungsweise gerade - in jungen Jahren bemüht habe, das Auftreten eines Gelehrten zu haben.

Dazu zählte für mich vor allem, keine Fehler zu machen. Denn ich war der Meinung: Alles, was ein Gelehrter sagt, muss hieb- und stichfest sein. So dachte ich zumindest damals.

Die eine Art von Fehlern, die Menschen häufig machen, sind Logikfehler. Mir kam meine Begabung im logischen Denken zu Gute - sie half mir, solche Fehler zu vermeiden. Wenn mir ab und zu aber dennoch Denkfehler unterliefen und ich auf sie aufmerksam gemacht wurde oder selbst darauf kam, brach ich regelmäßig in Tränen aus.

Die andere Art von Fehlern ist es, falsche Dinge aufgrund Nicht- oder Falschwissens zu behaupten. Ich persönlich schämte mich jedenfalls nie zu sagen: "Ich weiß es nicht." Ich fand es immer besser zu sagen, etwas nicht zu wissen, als zu riskieren, etwas Falsches zu behaupten. Erst im Studium habe ich gelernt, dass diese Strategie in die Hose gehen kann. Im Großen Sezierkurs, in dem man viel Neues innerhalb eines sehr kurzen Zeitraumes lernen musste, war ich mir oft unsicher, weil ich von verschiedenen Dingen glaubte, über sie etwas gelesen zu haben, aber das Wissen in meinem Gehirn sich noch nicht verfestigt hatte. Erst im Verlauf des Kurses, nachdem ich schon viele schlechte Noten kassiert hatte, lernte ich, dass es in Prüfungen meistens besser ist, etwas zu sagen, auch wenn man sich nicht ganz sicher ist, als gar nichts zu sagen. Moralisch gesehen, ist das vielleicht bedenklich, aber im Studium fährt man garantiert besser damit.

Erst noch später begriff ich dann, dass es über viele Dinge entweder kein objektives Wahr oder Falsch gibt oder dieses zumindest (noch) nicht der Fachwelt bekannt ist und dass es durchaus legitim ist, über verschiedene Dinge eine eigene Meinung zu haben, die nicht unbedingt mit der Meinung der Mehrheit übereinstimmen muss.

Was mir zu denken gab

Kurz nach meiner Matura meinte ein deutlich älterer Brieffreund (dem ich persönlich nie begegnet bin, zumindest nicht wissentlich) zu mir, er fände es gut, dass ich nun doch Medizin studieren wolle; er habe nicht verstehen können, dass sich jemand mit meiner Begabung für Informatik interessieren kann. Dass ich nicht Medizin studieren wollte und letzten Endes auch kein besonders guter, sondern (den Noten nach) ein eher durchschnittlicher Medizinstudent wurde, kann ich aber ganz einfach begründen: Ich bin von meiner Persönlichkeit her ein Denker. Deswegen bin ich auch gar nicht glücklich, wenn ich viel lernen muss; denn beim Lernen muss ich mich auf den Stoff konzentrieren und kann nicht über jene Dinge nachdenken, die mich wirklich interessieren.

Als einem, der gerne denkt, haben mir aber auf Anhieb die Internet-Foren zugesagt, die in den ersten Jahren nach Beginn meines Studiums in Mode kamen. In diesen Foren habe ich dann auch recht viel Zeit verbracht - soweit ich eben während des Studiums noch für andere Dinge Zeit hatte.

In den Diskussionen in den Foren gab es immer wieder Aussagen, über die ich länger nachdenken musste. Manchmal reagierte ich nicht oder nur oberflächlich und kam erst Jahre später zu einer befriedigenden Konklusion. (Selbstverständlich dachte ich nicht die ganzen Jahre lang nur über die eine Sache nach.) Ein Satz, auf den ich damals keine Antwort wusste, war eine vorwurfsvolle Aufforderung an mich:

"Und jetzt schau', dass du etwas aus deiner Begabung machst, denn bisher hast du wenig gemacht."

Erst jetzt, vor zwei Tagen, bin ich darauf gekommen, wie ich auf diese Bemerkung eigentlich hätte reagieren müssen.

Die Bemerkung muss unter drei Gesichtspunkten analysiert werden:

1. War der Vorwurf, bisher wenig gemacht zu haben, gerechtfertigt? Das kann man schwer mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantworten; aber: Hat derjenige, von dem diese Aussage stammt, überhaupt über genügend Hintergrundwissen verfügt, um eine solche Aussage tätigen zu können? Diese Frage kann man eindeutig verneinen. Er wusste garantiert zu wenig über mich und mein bisheriges Leben, um zu einem solchen Urteil kommen zu können. Dass ich bisher wenig gemacht habe, war keine Tatsache, sondern eine Mutmaßung.

2. Die Begründung passt nicht zur Aufforderung. Es ist nicht logisch, jemanden aufzufordern, etwas zu tun, weil er bisher wenig in seinem Leben gemacht hat. Logisch wäre es, von jemandem Aktivität einzufordern, weil er im Moment nichts tut. Im konkreten Fall traf das aber nicht zu: Ich war mit meinem Studium schwer beschäftigt und hatte ständig Lernstoff zu memorieren.

3. Der letzte Gesichtspunkt ist, ob die Aufforderung rechtens ist. Juristisch gesehen, kann man sie als eine Meinungsäußerung betrachten; seine Meinung zu äußern, ist schon okay. Wertete man die Aufforderung aber nicht (nur) als eine Meinungsäußerung, sondern (auch) als einen Befehl, wäre das schon nicht mehr in Ordnung. Wie sieht es moralisch aus? Moralisch ist es schon in Ordnung, jemanden aufzufordern, aktiv zu werden. Da aber ohnehin eine Aktivität gegeben war, war die Bemerkung, so gesehen, sinnlos. Anders zu werten wäre es, falls derjenige, von dem diese Aufforderung stammt, damit gemeint hätte, ich sollte mein Studium aufgeben und statt dessen gleich arbeiten gehen. Das wäre moralisch gesehen mit Sicherheit verwerflich! Ob es so gemeint war, ist mir nicht bekannt, und da mittlerweile schon einige Jahre vergangen sind, wird es wahrscheinlich auch nicht mehr möglich sein, es in Erfahrung zu bringen.

Die richtige Reaktion wäre gewesen, diese Analyse niederzuschreiben und sie dem Urheber der Aussage zu übermitteln. Die Gelegenheit dazu habe ich verpasst. Vielleicht werde ich aber nun, da ich erkannt habe, wie man solche Äußerungen analysieren muss, in Zukunft besser darauf reagieren.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Stochastische Unabhängigkeit

Als frischgebackener Doktor der Medizin gehöre ich einer Elite von ca. 0,5% der Bevölkerung Österreichs an; aber wie viel Prozent der Bevölkerung haben, so wie ich, sowohl Medizin als auch Informatik abgeschlossen? Ich habe kurz nachgedacht, ob man das berechnen kann, und bin darauf gekommen, dass es nicht möglich ist, weil die relativen Häufigkeiten der Mediziner und der Informatiker im allgemeinen Fall nicht stochastisch unabhängig sind. Nach weiterem Nachdenken bin ich zum Schluss gekommen, dass dieses Beispiel gut das Konzept der stochastischen Unabhängigkeit illustriert und man darüber einen kurzen Blogeintrag schreiben könnte, auch wenn dieser Blog in erster Linie nicht der Lehre dient.

Wenn P(A) die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein in Österreich lebender Mensch ein Studium der Medizin abgeschlossen hat, und P(B) die Wahrscheinlichkeit, dass er ein Informatikstudium abgeschlossen hat, dann könnte man meinen, die Wahrscheinlichkeit, beides abgeschlossen zu haben (wollen wir sie P(A & B) nennen), beträge:

P(A & B) = P(A) * P(B)

Das würde aber nur dann stimmen, wenn die Ereignisse A und B stochastisch unabhängig wären, und wir werden sehen, dass das nicht immer der Fall ist. Allgemein gilt nämlich nur die Formel:

P(A & B) = P(A | B) * P(B)

Wobei P(A | B) die Wahrscheinlichkeit meint, dass das Ereignis A eingetreten ist, wenn auch das Ereignis B eingetreten ist. Es handelt sich um eine bedingte Wahrscheinlichkeit. Bei stochastischer Unabhängigkeit gilt also:

P(A) = P(A | B)

Im konkreten Beispiel kann das (zufälligerweise) gelten, muss es aber nicht. Ein Beispiel dafür, warum diese Beziehung nicht immer gilt: Was wäre, wenn P(A & B) gleich 0 wäre, es also niemanden gäbe, der sowohl Medizin als auch Informatik absolviert hätte? Wenn die Formel für die stochastische Unabhängigkeit gälte, dann würde das bedeuten, dass P(A) oder P(B) (oder beide) ebenfalls gleich 0 sein müsste, denn a * b = 0 genau dann, wenn mindestens einer der beiden Faktoren a oder b gleich 0 ist.

Das würde aber bedeuten: Wären A und B stochastisch unabhängig, egal wie viel nun P(A) und P(B) konkret betragen, dann müsste es, gäbe es sowohl mindestens einen Absolventen der Medizin als auch einen Absolventen der Informatik, mehr als null Personen geben, die beide Studiengänge absolviert haben. (Das kann auch eine Zahl zwischen 0 und 1 sein.) Ich nehme an, es ist offensichtlich, dass das unlogisch ist. Daraus folgt, dass die Formel

P(A & B) = P(A) * P(B)

nicht immer gilt. A und B sind im allgemeinen Fall stochastisch nicht unabhängig. Die Wahrscheinlichkeit P(A) ist also meistens ungleich der bedingten Wahrscheinlichkeit P(A | B). Will heißen: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der ein Informatikstudium absolviert hat, auch ein Medizinstudium absolviert hat, ist verschieden von der relativen Häufigkeit von Medizin-Doktoren in der Bevölkerung.

Wenn man also nur die relativen Häufigkeiten von Medizin-Absolventen und von Informatik-Absolventen kennt, kann man keine Aussage über die relative Häufigkeit von Personen treffen, die beide Studienrichtungen absolviert haben. Man kann somit nur spekulieren.

Freitag, 10. Mai 2013

Politik

Politik ist ein Thema, zu dem ich mir schon viele Gedanken gemacht habe, obwohl es nicht zu den Schwerpunkten meiner Ausbildung gehört.

Ich entstamme einem politisch heterogenen Elternhaus: Meine Mutter wurde in sozialdemokratischen Jugendorganisationen sozialisiert, während mein Vater Parteien aus dem konservativeren Spektrum favorisierte. Insbesondere mein Vater war immer sehr an Politik interessiert, er las regelmäßig die Frankfurter Allgemeine Zeitung und kommentierte bei jeder Gelegenheit das politische Geschehen.

Als Jugendlicher beschloss ich, dass mir keine der größeren Parteien zusagte, und bei meiner ersten Wahl gab ich dem Liberalen Forum (LIF) meine Stimme. Ich wollte aber auch aktiv kennen lernen, wie Politik gemacht wird, und schloss mich daher kurz nach Beginn meines Studiums der tonangebende Fraktion der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien an. Zufälligerweise stand sie der christdemokratischen Partei nahe, aber auch wenn sie irgend einer anderen Partei nahe gestanden wäre, hätte mich das nicht gestört.

Von dieser ÖH-Fraktion war ich allerdings bald enttäuscht. Die Aktiven dort waren echte Parteisoldaten, es wurde nicht über Politik diskutiert, sondern nur im Sinne der Mutterpartei gehandelt. Da war ich froh, als ich einige Jahre später auf die Website Liberalismus.at aufmerksam gemacht wurde - dort konnte man auch diskutieren. Durch Liberalismus.at lernte ich die Geschichte der liberalen Denktradition kennen; die Betreiber dieser Website vertraten eine besonders radikale Form des Liberalismus, der an die amerikanische Libertarian Party angelehnt war.

2006 wurde die Piratenpartei Österreichs gegründet; da war ich auch kurzzeitig Mitglied.

2009 entdeckte ich dann, wie leicht es durch Facebook geworden war, mit nicht unbedeutenden Politikern in Kontakt zu treten - als Folge davon wurde ich Mitglied der Jungen Liberalen.

Heute, 2013, stehen Nationalratswahlen an, und es gibt zumindest fünf Parteien, die man meiner Meinung nach wählen kann: Neos, Piraten, Grüne, Stronach, BZÖ. Ich möchte mich nicht auf eine dieser Parteien festlegen, sondern meine Entscheidung bis zur Wahl offen lassen. Aktiv engagieren möchte ich mich nicht mehr - es ist besser, wenn ich mich darauf beschränke, das politische Geschehen per Facebook zu kommentieren.

Wer Politiker werden will, sollte vor allem gute juristische Kenntnisse haben und sich Gedanken machen, wie der die Gesetze in dem Bereich, in dem er sich besonders gut auskennt, ändern würde, wenn er dazu die Möglichkeit hätte.

Medizinische Genetik

Während meines Medizinstudiums habe ich mir öfter die Frage gestellt, welches Fach ich machen würde, wenn ich wirklich eine medizinische Laufbahn einschlagen sollte. Als eine von wenigen mir realistisch erscheinenden Möglichkeiten habe ich an die Medizinische Genetik gedacht.

Gestern war im 3sat eine Sendung über "Rätselhafte Krankheiten". Da kam auch ein Fall vor, der mit Genetik zu tun hatte. Da habe ich mir wieder gedacht, dass dieses Fach mich nach wie vor interessieren würde.

Der Patient litt an einer mangelnden Clearance der Niere mit drohendem Nierenversagen, außerdem wies sein EKG Auffälligkeiten auf. In seiner Jugend war er öfter beim Arzt wegen brennender Schmerzen der Hand gewesen, doch der Arzt war ratlos gewesen. Keiner der Spezialisten, die er im Laufe seines über fünfzigjährigen Lebens aufsuchte, hatte von Medizinischer Genetik ausreichend Ahnung, um die richtige Diagnose stellen zu können. Die richtige Diagnose kam dann per Post: Seine Schwester hatte herausgefunden, dass entfernte Verwandte (offenbar solche, die im Ausland lebten) an der X-chromosomalen Erbkrankheit Morbus Fabry litten.

Klar, die Symptome sind schwer zu deuten, und es ist nicht leicht zu erkennen, dass ein Enzymdefekt die Ursache ist, der sich negativ auf den Fettstoffwechsel auswirkt und den Abbau bestimmter Fettmoleküle verhindert. Seltsam ist aber schon, dass die deutschen Ärzte nicht auf die Idee kamen, eine Erbkrankheit könnte allem zu Grunde liegen. Vielleicht hinkt die Ausbildung der deutschen Ärzte in Humangenetik noch aus politisch motivierten Gründen gegenüber anderen Ländern nach?

Wie auch immer, der Patient konnte nach erfolgter Diagnose behandelt werden und hat überlebt.

Dieser Fall zeigt, wie wichtig das Fach Medizinische Genetik ist. Allerdings ist die Diagnostik in diesem Fach nichts, das besondere Fachkenntnis oder logisches Denken erforderte. Heutzutage ist es möglich, das gesamte Genom eines Menschen binnen weniger Stunden zu sequenzieren. Nach der Sequenzierung könnte man es durch ein Computerprogramm auf beliebige Erbkrankheiten überprüfen lassen. So hätte es auch in diesem Fall genügt zu vermuten, dass eine genetische Erkrankung die Ursache sein könnte. Den Rest hätte der Computer gemacht.

So gesehen, ist das Fach intellektuell nicht sehr anspruchsvoll. Auch die früher oft von Fachärzten für Medizinische Genetik durchgeführten Stammbaumanalysen, die einen gewissen Grips erforderten, sind heutzutage mehr oder minder obsolet geworden. Dafür bietet das Fach sicherlich recht interessante Möglichkeiten, Forschung zu betreiben. Der Nachteil ist freilich, dass es nur sehr wenige Facharztausbildungsstellen gibt. Eventuell würde man nicht umhinkommen, seine Facharztausbildung im Ausland zu absolvieren. Daher werde ich wahrscheinlich nicht diesen Weg einschlagen.

Sonntag, 5. Mai 2013

Was ich aus heutiger Sicht anders gemacht hätte

Welchen Rat würde ich jemandem geben, der gerade Matura gemacht hat, damit er nicht die gleichen Fehler begeht wie ich?

Vor allem den einen: nicht falsche Erwartungen von der Universität, aber auch nicht von sich selbst zu haben. Ich hatte zu Beginn meines Studiums geglaubt, dass der Bedarf an begabten Leuten groß sei, und mich berufen gefühlt, in die Wissenschaft zu gehen. In Wirklichkeit interessieren sich die meisten Universitätsmitarbeiter nicht sonderlich für begabte Studierende. Ich täte Unrecht, wenn ich hier generalisierte, denn es gab schon zu Beginn meines Medizinstudiums etwa einen Professor der Medizinischen Chemie, dem ich in der Vorlesung durch gute fachliche Kenntnisse auffiel und der mir dann den Ratschlag gab, das Studium möglichst schnell hinter mich zu bringen, weil ich mich dann mit den Dingen wissenschaftlich beschäftigen könne, die mich interessieren. Er grüßte mich auch freundlich, wenn wir einander auf der Straße begegneten, und fragte mich manchmal nach meinem Wohlbefinden. Auch war er nicht der Einzige, es gab auch Professoren der Physik und der Biologie, die mich für gut hielten. Aber so, wie ich es erhofft hatte, nämlich, dass man gleich im ersten Semester eingeladen würde, an Forschungsprojekten mitzuarbeiten, war es nicht. Insgesamt überwiegt bei Professoren jedenfalls die Missmut über schlampige und schlechte Studierende, und man tut besser daran, in diesem Sinne nicht negativ aufzufallen.

Auf der anderen Seite sollte man sich auch nicht zu einseitig auf ein bestimmtes Ziel versteifen, zu dem man sich berufen fühlt, sondern nach allen Seiten offen bleiben und auch an sich selbst denken. Eine Portion Realismus mag ebenfalls nicht schaden - nicht jeder Hochschulabsolvent wird Forscher, man kann sich nicht immer aussuchen, was man beruflich tun will, und überhaupt kann im Leben alles anders kommen, als man es geplant hat.