Freitag, 25. Juli 2014

Die Verantwortung der Begabten

Manchen der Bekannten, die ich durch die Hochintelligenzclubs gewonnen habe, stößt es sauer auf, dass ich durch meine Erziehung die Einstellung erworben habe, dass Begabte (oder "Gescheite", wie man umgangssprachlich sagt) eine besondere Verantwortung haben, die ihnen zugeteilten Aufgaben ordentlich zu erledigen. "Was man macht, macht man ordentlich", war ein Motto meiner Eltern. Sie waren der Meinung, dass ein Gescheiter verpflichtet wäre, alle ihm zugeteilten Aufgaben ordentlich zu erledigen. Wenn ein Gescheiter, der die nötigen Fähigkeiten hätte, nicht die geforderte Leistung erbringt, sei das viel schlimmer zu werten als wenn ein weniger Begabter schlechte Leistungen erbringt, denn das sei ihm nachzusehen - er könne es einfach nicht besser.

Die Bekannten aus den Hochintelligenzclubs fühlen sich durch diese Ansicht unter Druck gesetzt. In Wirklichkeit ist es aber vielmehr so, dass diese Leute gar keine "Gescheiten" im Sinne meiner Eltern sind.

Wer in der Lage ist, einen Intelligenztest zu bewältigen, hat damit bewiesen, dass er diese Testaufgaben lösen kann - mehr nicht. Es kann gut sein, dass er dennoch Probleme hat, die in Schule, Studium oder Beruf geforderten Leistungen zu erbringen - etwa weil ihm das Lernen von Fremdsprachen schwer fällt. Solche Leute haben vielleicht einen hohen Intelligenzquotienten, aber sie sind keine "Gescheiten". Somit ist es auch tolerierbar, wenn sie nicht Spitzenleistungen erbringen.

Das große Problem ist, dass viele Menschen die Bestätigung brauchen, dass sie intelligent sind, weil es für ihr Selbstwertgefühl von Bedeutung ist. Sie mögen aber einen hohen Intelligenzquotienten haben und trotzdem in ihren Fähigkeiten eingeschränkt sein. Sie sind also keine "Gescheiten" in dem Sinne, wie es meine Eltern gemeint haben. Ein "Gescheiter" ist einer, der alles kann.

Insofern ist es auch problematisch, wenn ein hoher Intelligenzquotient mit "Hochbegabung" gleichgesetzt wird. Denn in Wirklichkeit kann man einen hohen Intelligenzquotienten haben und dennoch weitgehend unbegabt sein. Das ist aber etwas, was viele Angehörige von Hochintelligenzclubs nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Deswegen machen sie den Fehler, Aussagen wie die von der Verantwortung der Begabten für die Gesellschaft auf sich zu beziehen (und entsprechend entrüstet zu sein). Dabei betreffen diese Aussagen in Wirklichkeit diejenigen, die wirklich begabt sind - diejenigen, die alles können. Der Intelligenztest ist nicht geeignet zu ermitteln, wer über diese Fähigkeiten verfügt.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Verbildet

Fürwahr, ich bin verbildet.

Der ganze Sinn und Zweck des Bildungswesens ist es ja, aus den jungen Menschen Glieder der Gesellschaft zu machen, die in bestehenden Systemen funktionieren und diese aufrecht erhalten.

Durch das Bildungswesen werden Menschen in ihrer natürlichen Entwicklung gehemmt, denn die natürliche Entwicklung ist keineswegs die zu einem gut funktionierenden Systemerhalter. Der Mensch ist von Natur aus ein wildes Tier und würde sich auch gerne entsprechend verhalten. Das System hingegen ist nicht an die Menschen angepasst, sondern es stellt eine Ordnung dar, welche das Leben der Menschen regelt; der Sinn des Ganzen ist zweifelhaft: In vergangenen Jahrhunderten waren es wohl Kaiser und Könige, die über das Volk herrschten und es für ihre Zwecke ausbeuteten; jetzt ist zwar formell das Volk selbst am Ruder, aber es hat sich noch nicht derart emanzipiert, als dass es ihm gelungen wäre, das System an seine eigenen Bedürfnisse anzupassen.

Dabei ist Wissen durchaus etwas Schönes; man kann es sich aber auch fernab der herkömmlichen Institutionen aneignen. Schulen und Universitäten bilden Leute aus, die in bestehenden Systemen funktionieren sollen. Das Medizinstudium soll nicht Genies hervorbringen, die Probleme lösen und Krankheiten heilbar machen, die bisher als unheilbar galten; vielmehr sollen menschliche Roboter erzeugt werden, die effizient und zuverlässig Routinearbeiten erledigen. Fast alles im Alltag eines Arztes ist Routine. Diese zu erlernen erfordert anfangs intensive Übung, aber hat man diese Hürde einmal genommen, wird man höchst selten in Situationen gelangen, die wahrhaft Geisteskraft erfordern.

Es ist traurig, aber die Elite, die an den Universitäten ausgebildet wird, ist gar keine Elite. Es ist vom System gar nicht gewollt, dass besonders Begabte an Probleme herangeführt werden, deren Lösung viel Intellekt erfordert. Wer wirklich Probleme lösen will, muss gegen viele Widerstände ankämpfen. Er muss sich qualifizieren, sonst wird er nicht ernst genommen. Das allein ist schon traurig, denn dabei geht so viel Energie verloren, die anderweitig besser genützt werden könnte. Hat er sich unter großem Aufwand qualifiziert, fangen dann Neid und Missgunst an; viele Menschen wollen es gar nicht akzeptieren, wenn jemand Lösungen für Probleme bringt, die der Menschheit zu Gute kämen.

Letzten Endes stellt sich dann schon die Frage, ob es die Menschheit überhaupt wert ist, sich für sie aufzuopfern.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Gibt es Paradoxien?

In einigen der vergangenen Blogeinträge habe ich versucht, Gödel zu verteidigen, da ein Leser die Gültigkeit seiner Unvollständigkeitssätze bezweifelte. Die Formulierung der Unvollständigkeitssätze, die ich dort gebracht habe, setzt ja die Existenz von paradoxen Aussagen voraus, also von Aussagen, die weder wahr noch falsch sind, weil sie ihr Gegenteil implizieren. Es wurde dagegen der Einwand erhoben, es gebe gar keine paradoxen Aussagen; deswegen seien die Gödelschen Sätze Unsinn. Ich brachte als Gegenbeispiel die Aussage "Dieser Satz ist falsch", welcher ja sein Gegenteil impliziert.

Als ich darüber nun erneut nachgedacht habe, ist mir eingefallen, dass es nach der Klassischen Logik ja tatsächlich keine paradoxen Aussagen geben kann, weil das Prinzip vom ausgeschlossenen Dritten gilt: Entweder ist eine Aussage wahr, oder ihr Gegenteil ist wahr. Wenn aber eine Aussage ihr Gegenteil impliziert, dann kann diese Aussage nach den Gesetzen der Klassischen Logik nur falsch sein, weil wahre Aussagen nicht falsche Aussagen implizieren können, aber falsche Aussagen wahre Aussagen implizieren können. Die Aussage "Dieser Satz ist falsch" ist nach Klassischer Logik also keine paradoxe Aussage, sondern schlichtweg falsch.

Zur Ehrenrettung der Gödel-Anhänger sei Folgendes gesagt:

1. Man könnte die Gödelschen Sätze verabsolutieren. Dann folgt aus ihnen, dass die Klassische Logik, da sie keine paradoxen Aussagen kennt, inkonsistent sei. Im Grunde genommen ungeheuerlich.

2. Laut Wikipedia machen die Gödelschen Sätze in ihrer Originalformulierung gar nicht von Paradoxien Gebrauch, vielmehr machen sie Aussagen über Sätze, die wahr, aber nicht ableitbar sind. Wenn man diese Formulierung der Gödelschen Sätze nimmt, muss man sie anders bewerten.