Sonntag, 12. April 2015

Kulturelle Unterschiede

Eben unternahm ich einen weiteren Versuch, das Buch "Physik ohne Realität: Tiefsinn oder Wahnsinn?" von Prof. em. Hans-Dieter Zeh zu lesen. Ein Buch, dessen Lektüre auch mich vor Verständnisprobleme stößt - und gerade deswegen für mich so reizvoll ist! Ich liebe es, wenn ich einen Text nicht sofort verstehe; ich lese ihn dann noch einmal und noch einmal, Absatz für Absatz, denke über das Gelesene nach und schlage in anderen Büchern oder im Internet nach, bis ich schließlich das Gefühl habe, den Text verstanden zu haben. Meine Bemühungen sind meist durchaus von Erfolg gekrönt. Das ist aber der große Unterschied zwischen mir und anderen Menschen, die ich in Hochintelligenzvereinen kennengelernt habe: Die Anderen lesen nur das, was sie auf Anhieb verstehen. Das ist ein kultureller Unterschied von enormer Tragweite, weil die Fähigkeit, sich Wissen und Verständnis zu erarbeiten, in meinen Augen und in den Augen anderer Menschen, die so ticken wie ich, eigentlich das Hauptanwendungsgebiet kognitiver Begabung darstellen. Wenn jemand über einen hohen Intelligenzquotienten verfügt, diesen aber nicht nutzt, um sich Wissen und Verständnis anzueignen, ist er mir wesensfremd - es ist für mich so, als ob er gar keinen hohen Intelligenzquotienten hätte.

Die Klischeevorstellungen über die kognitive Begabung von Menschen, die schon vor Beginn meiner Studienzeit in der hochgebildeten Schicht kursierten und mir unter anderem durch das Internet vertraut waren, treffen wahrscheinlich nur zu, wenn man wirklich Menschen betrachtet, die dieser Schicht angehören. Dass Studenten der Physik im Durchschnitt intelligenter seien als Studenten der Mathematik, diese intelligenter als Informatikstudenten und alle zusammen deutlich intelligenter als Mediziner, mag schon stimmen - es ist immerhin statistisch belegt. Dass jedoch Studenten, die aus bildungsfernen Schichten kommen, aber einen hohen Intelligenzquotienten haben, oft Studienrichtungen wählen, die nicht ihrem Potenzial entsprechen (also solche, für die dem Klischee nach auch ein eher durchschnittlicher Intelligenzquotient reichen würde, wie Politikwissenschaften oder Geografie), ist ein Phänomen, welches gesondert betrachtet werden muss. Verallgemeinerungen sind jedenfalls unzulässig. Auch ist im Grunde genommen die Anschauung fragwürdig, dass jeder Student jene Studienrichtung belegen sollte, die seinem Intelligenzniveau entspricht, weil möglicherweise die persönlichen Interessen des Studierenden ganz anders gelagert sind.

Sprüche wie "Ein unterdurchschnittlich Intelligenter interessiert sich für Fußball, ein durchschnittlich Intelligenter für Politik, ein überdurchschnittlich Intelligenter für Physik" sind jedenfalls nicht nur realitätsfremd, sondern sogar ziemlich dumm, denn wenn sich jemand wirklich nur für Physik, aber nicht für Politik interessiert, ist er ziemlich weltfremd und wird in seinem Leben möglicherweise doch gewisse Nachteile erleiden müssen.

Mittwoch, 8. April 2015

Einstein

Heute in einer Buchhandlung in der Mariahilfer Straße: Ein ganzer Tisch ist voll mit Büchern verschiedener Autoren, über ganz unterschiedliche Themen, mit einer Gemeinsamkeit: dem Namen "Einstein" auf dem Cover. Auch wenn Albert Einstein schon längst tot ist, hat er noch immer Kultstatus. Kein Wissenschaftler kann ihm das Wasser reichen. Auch wenn Bildung in der Gesellschaft wohl nicht mehr den Stellenwert hat, den sie einst hatte: Den Namen Einstein kennt jeder. Und gerade die, die zwar in Wahrheit nicht besonders gebildet sind, aber sich für gebildet halten, neigen dazu, Einstein nach wie vor zu bewundern.

Dabei gilt Einstein ihnen als Inbegriff des genialen Wissenschaftlers. Mit welchen Theorien Einstein berühmt geworden ist, wieso es überhaupt möglich war, mit physikalischen Theorien berühmt zu werden, und was diese Theorien besagen, das interessiert sie nicht. Wer ein Genie sein will, der muss mit Einstein vergleichbar sein. Wer keine "einsteingleiche" Leistung in seinem Leben erbracht hat, der ist kein Genie. Ein hoher Intelligenzquotient? Fange etwas damit an! Da man aber auch nichts von Einsteins Theorien versteht, ist man auch nicht in der Lage darüber zu urteilen, ob eine Leistung, die jemand erbracht hat, tatsächlich "einsteingleich" war.

Einstein hat in seinem Leben nie einen Intelligenztest absolviert; im Internet findet man Quellen, die behaupten, Einstein habe einen IQ von 160 gehabt. Es gibt aber auch kritischere Stimmen, die Einsteins IQ auf einen Wert zwischen 120 und 140 schätzen - was bedeuten würde, dass beachtliche zehn Prozent der Bevölkerung ungefähr gleich intelligent wie Einstein sein müssten oder vielleicht sogar noch intelligenter. Seine Leistungen in der theoretischen Physik seien nicht auf seine kognitive Begabung zurückzuführen, sondern auf sein ungewöhnlich stark ausgeprägtes Interesse an der Thematik. Vielleicht haben diese kritischen Stimmen wirklich Recht.

Jedenfalls ist der Einstein-Kult symptomatisch für jenes menschenfeindliche Leistungsdenken, das von allen fordert, sich entsprechend den Erwartungen anderer Personen zu verhalten, anstatt den eigenen Interessen freien Lauf zu lassen und jene Talente und Fähigkeiten zu entwickeln, die einen Menschen wahrhaft zu einer eigenständigen Persönlichkeit machen.

Montag, 6. April 2015

Das leidige Thema "Begabung"...

Ich weiß, dass ich in den vergangenen Jahren schon viel zu viel über Themen wie kognitive Begabung geschrieben habe. Dennoch schreibe ich noch einen Text zu diesem Thema, weil mir nun klar geworden ist, welche die wichtigste Erfahrung gewesen ist, die ich in Zusammenhang mit dieser Thematik gemacht habe.

Als im Jahr 1997 der "7. Wiener Mathematik- und Denksportwettbewerb" ausgeschrieben war, wusste ich bereits von diesem Wettbewerb, bevor wir offiziell von unserem Mathematiklehrer darüber informiert wurden, weil ich in einer Mailbox (Vorläufer des Internets) davon gelesen hatte. Deshalb wartete und wartete ich darauf, dass der Lehrer doch endlich kommen und uns zur Teilnahme an diesem Wettbewerb einladen möge. Schüchtern, wie ich war, kam ich nicht auf die Idee, den Lehrer direkt darauf anzusprechen. Aber eines Tages kam der Lehrer doch in die Klasse und sagte mit gepresster Stimme, es werde demnächst ein Mathematik-Wettbewerb stattfinden. Er glaube zwar nicht, dass irgendjemand von unserer Klasse daran teilnehmen wolle. Aber er sei verpflichtet, uns darüber zu informieren. Der Lehrer war sichtlich erstaunt, als ich und zwei weitere Schüler ihr Interesse bekundeten und er uns zu diesem Wettbewerb anmelden musste.

Umso mehr noch war der Lehrer überrascht, als ich in diesem Wettbewerb als Zweitbester (von 149 Teilnehmern aus Gymnasien aus ganz Wien) abschnitt - ich hatte 9 von 10 Beispielen richtig gelöst (beim zehnten hatte ich mich verrechnet), und es hatte nur eine einzige Teilnehmerin gegeben, die alle zehn richtig hatte. Für meinen Mathematiklehrer galt ich seitdem als "hochbegabt".

Dass der Lehrer uns seinerzeit nur widerwillig darüber informierte, dass dieser Wettbewerb stattfinden würde, lässt mich vermuten, dass er tatsächlich nicht damit rechnete, dass jemand von uns an diesem Wettbewerb Interesse haben und noch dazu darin gut abschneiden würde.

Für unseren Lehrer war klar, dass es in diesem Wettbewerb weniger auf Erlerntes ankommen würde, sondern mehr auf kognitive Begabung. Deswegen galt ich seit meinem "herausragenden" Abschneiden in diesem Wettbewerb als "hochbegabt".

Mir selbst war nicht bewusst, dass mein Abschneiden in diesem Wettbewerb sogar noch ein stärkeres Indiz für eine Hochbegabung darstellte, als es ein gutes Abschneiden in einem standardisierten Intelligenztest gewesen wäre, denn Intelligenztestaufgaben kann man ja üben. Im Buchhandel sind Bücher erhältlich, die typische Intelligenztestaufgaben enthalten - Zahlenreihen, geometrische Muster, Wortanalogien und so weiter. Ein gutes Abschneiden in einem Intelligenztest kann nicht nur von Begabung rühren, sondern auch von Übung - wer viel übt, kann fehlende Begabung wettmachen. Auf mathematische Textaufgaben, wie sie in diesem Wettbewerb vorkamen, kann man sich hingegen viel weniger vorbereiten. Wer in einem solchen Wettbewerb gut abschneidet, muss also tatsächlich begabt sein.

Warum aber hatte der Lehrer nicht erwartet, dass jemand von uns an diesem Wettbewerb Interesse haben und gut abschneiden könnte?

Offenbar hatte der Lehrer keinen von uns für "hochbegabt" gehalten. Und das ist die Problematik, weswegen ich diesen Text schreibe: Lehrer orientieren sich offenbar an irgendwelchen Vorstellungen, wie hochbegabte Schüler seien und wie sie sich im Unterricht verhalten, die gar nicht zutreffen. Dadurch werden viele tatsächlich bestehende Begabungen nicht erkannt und auf der anderen Seite möglicherweise auch einzelnen Schülern Begabungen zugeschrieben, die sie gar nicht haben.

Wer weiß, wie viele meiner Mitschüler wohl hochbegabt waren! Ich glaube gar nicht, dass ich der einzige gewesen bin.

Die Problematik besteht aber nicht nur in der Schule, sondern auch im weiteren Leben. Die Begabungen werden nicht erkannt.

Ich bin unter dem besonderen Umstand aufgewachsen, dass bei mir die Begabung erkannt worden ist. Im Hochintelligenzverein, in dem ich während meiner Studienzeit Mitglied war, bin ich aber auch vielen älteren Erwachsenen begegnet, die von niemandem als hochbegabt erkannt worden waren und erst seit kurzem von ihrer Begabung wussten. Viele von ihnen hatten - man glaubt es kaum - ein leichteres Leben gehabt als ich. Denn nicht wissend, dass sie begabt waren, fühlten sie auch keine Verpflichtung, etwas aus ihrer Begabung zu machen, und richteten sich ihr Leben gemütlich auf niedrigem Niveau ein und verdienten ihr Geld, ohne sich körperlich oder geistig jemals allzu sehr anzustrengen.

Es gibt also noch eine zweite Problematik, die einer Diskussion würdig wäre. Was ist die Aufgabe der Hochbegabten in der Gesellschaft? Gibt es überhaupt eine solche Aufgabe? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Wer meint, Begabte müssten verpflichtet sein, besondere Leistungen zu erbringen, vergisst, dass auch Begabte nur Menschen sind. Begabte links liegen zu lassen oder sie gar zu benachteiligen, stellt das andere Extrem dar. In der Realität kommt aber beides vor. Auf die Idee, dass man Begabte einfach so behandeln könnte wie jeden anderen Menschen auch, kommen leider die Wenigsten.

Freitag, 3. April 2015

Mein Leben

Ich wurde in den 1980er Jahren in Wien geboren. Mutter und Vater waren gut ausgebildet und gingen regelmäßig arbeiten. Als Kind sah ich mir am liebsten Zeichentrickfilme im Fernsehen an.

Normalerweise wird man mit 6 oder 7 Jahren eingeschult. Ich wurde schon mit 5 eingeschult. Normalerweise lernt man in der Schule lesen, schreiben und rechnen. Ich habe das alles schon vor Schuleintritt gekonnt, weil es mir meine Eltern beigebracht hatten. So war es für mich kein Problem, ein guter Schüler zu sein; ich musste nur regelmäßig meine Hausübungen machen.

In Österreich kommen gute Schüler aufs Gymnasium, schlechte Schüler in die Hauptschule. Ich kam also aufs Gymnasium. Das Gymnasium dauert acht Jahre und endet mit der Matura. Am Gymnasium war der Englischunterricht sehr gut, die Lehrerin war sehr streng, brachte uns aber auch sehr viel bei; für meine Mitschüler war das freilich etwas problematisch, weil es ihnen schwer fiel, den Anforderungen zu genügen. Mir fiel es zum Glück nicht schwer. Ansonsten war in der Oberstufe der Unterricht in den Naturwissenschaften Physik und Chemie gut. Mathematik beherrschte ich bereits zu Beginn der Gymnasialzeit annähernd auf Maturaniveau, weil mein Vater mit mir vorgelernt hatte. Geografie und Geschichte interessierten mich, und ich las darüber viele Bücher; den Unterricht in diesen Fächern hätte ich also nicht gebraucht.

Insgesamt war das Schulsystem also nicht ideal für mich. Ich kam damit gut zurecht, und die Lehrer waren wenigstens überwiegend fair zu mir, aber im Grunde genommen war das Schulsystem nicht ideal. Ideal wäre eine Schule gewesen, die Englischunterricht auf dem gleichen Niveau, wie wir ihn hatten, sowie Unterricht in Naturwissenschaften geboten hätte und dazu nur drei Stunden Anwesenheitspflicht pro Tag statt sechs.

Nach der Matura wurde ich zum ersten Mal nach zwölf Jahren wieder allein gelassen. Jetzt hätte ich eigentlich machen können, was ich wollte. Ich hätte zehn verschiedene Studienrichtungen belegen können, ich hätte entscheiden können, welche Vorlesungen ich besuche und welche nicht, welche Prüfungen ich mache und welche nicht. Ich hätte zehn Jahre oder länger studieren können, ohne einen Abschluss zu machen, wenn es mich glücklich gemacht hätte. Aber ich wollte irgendwann einmal auch mein eigenes Geld verdienen. Also war angesagt, ein Studium zu wählen, das auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist, und dieses möglichst schnell zu absolvieren, da ich gelesen hatte, dass Arbeitgeber auf eine kurze Studiendauer Wert legen. Ich entschied mich auf Anraten meiner Eltern für ein Medizinstudium. Es zeigte sich, dass "schnell studieren" ein frommer Wunsch war; ein Medizinstudium kann man vielleicht dann schnell absolvieren, wenn man aus einer Ärztefamilie kommt und von seinen Eltern entsprechend gefördert worden ist, oder wenn man wirklich gezielt nur für die Prüfungen lernt, wie es manche Studienkollegen getan haben, die nur Fragensammlungen auswendig gelernt haben. Letzten Endes habe ich parallel zum Medizinstudium nach einigen Jahren auch Informatik inskribiert und schließlich beide Studiengänge erfolgreich zum Abschluss gebracht. Heute habe ich eine feste Anstellung und ein regelmäßiges Einkommen. Was ich wollte, habe ich also erreicht.