Freitag, 14. April 2017

Mein Vater und ich

Mit meinem Vater habe ich eine sehr enge, aber auch recht zwiespältige Beziehung geführt. Einerseits zeigte er sich immer wieder von meinen Fähigkeiten beeindruckt und war bereit, sich mit mir intensiv zu beschäftigen. Andererseits war er vor allem in jüngeren Jahren mit mir oft unzufrieden, und insgesamt habe ich den Eindruck, dass er erst sehr spät erkannte, worin meine eigentlichen Stärken und Schwächen liegen.

Seit frühester Jugend militärischem Drill ausgesetzt, war mein Vater als Ingenieur für Elektrotechnik beruflich sehr erfolgreich. Auch wenn er früher in verschiedenen Firmen gearbeitet hatte, kannte ich ihn nur als Mitarbeiter eines Vereins, der Elektrogeräte hinsichtlich ihrer Funktionstüchtigkeit und Ungefährlichkeit überprüfte. Er war auf Aufzug-Technik spezialisiert, das hieß, dass er tagaus, tagein in die Maschinenräume hochkletterte und dort die technischen Daten kontrollierte. Da er seine Arbeitszeit selbst frei einteilen konnte und sehr effizient werkte, war er oft schon zu Mittag mit dem Gros seines Pensums fertig und verbrachte den Rest des Tages nur mehr mit administrativen Tätigkeiten, die er von daheim erledigen konnte.

Als ich noch sehr jung war, hat er mich durchaus gefördert. Es war sein sehnlichster Wunsch, einen Sohn zu bekommen, und so war er über meine Geburt glücklich. Er brachte mir das Lesen bei, als ich vier Jahre alt war, und korrigierte rigoros Rechtschreibfehler, wenn ich welche machte. Außerdem zwang er mich im Volksschulalter, mich mit Mathematik-Aufgaben der gymnasialen Oberstufe, wie der Differentialrechnung, zu beschäftigen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar - diese Förderung habe ich äußerst genossen. Leider war es ihm danach aber nicht mehr wichtig, mir noch weitere Kenntnisse und Fähigkeiten beizubringen. Hätte ich eine derart intensive Förderung bis zum Erreichen der Volljährigkeit erhalten, hätte ich wohl gar nicht mehr zu studieren gebraucht.

Dass ich ein guter Schüler war, war aber eher Verdienst meiner Mutter, die stets darauf achtete, dass ich meine Hausaufgaben machte und für Prüfungen lernte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich mich selbst darum kümmern müssen, dass ich meine Pflichten nicht vernachlässige. Da nur meine Mutter mit mir lernte, hat er nicht mitbekommen, dass ich im reinen Auswendiglernen von Texten eher schwach war, was eigentlich Grund genug gewesen wäre, ein Medizinstudium nicht ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Während meine Mutter und auch meine Lehrer immer zu sagen pflegten, wie klug ich doch sei, war mein Vater der Einzige, der in dieser Beziehung nicht immer konsistente Botschaften übermittelte. Als ich klein war, war er oft unzufrieden mit mir, weil ich für seinen Geschmack zu schüchtern, zu ängstlich, zu introvertiert war. Er hatte sich seinen Sohn anders vorgestellt und wollte aus mir unbedingt eine "Führungspersönlichkeit" machen - also einen selbstbewussten, betont maskulinen Mann, der allen anderen sagt, wo es langgeht. Nicht zuletzt waren ja auch Politiker wie Helmut Kohl, Jörg Haider oder Vladimir Meciar seine Idole. Zeitweise hielt er mich für "deppert" und bezweifelte, dass ich das Gymnasium schaffen würde. Meine Leistungen sprachen aber für sich. Freilich: Ihm waren sie nicht immer genug - wenn ich in einer Mathematik-Schularbeit nur 23 von 24 Punkten erreichte, was immer noch der Note "sehr gut" entsprach, pflegte er zu fragen: "Was hast du verhaut?"

Andererseits sagte er aber auch, dass die meisten Menschen nur in der Lage seien, zwei Schritte vorauszudenken, während ich aufgrund meiner hohen "geistigen Taktfrequenz" bis zu sechs Schritte vorausdenken könne.

Wie gesagt, nahm er ab dem Gymnasium auf meinen Bildungsweg kaum mehr Einfluss. Zwar war er es, der auf meinen Wunsch hin unser erstes BASIC-Listing aus einer Computerzeitschrift abtippte, aber letztendlich habe ich mir das Programmieren selbst beigebracht. Mein Vater wird zwar in seinem Studium sicherlich einen Programmier-Kurs gehabt haben, aber da er sich seitdem nicht mehr mit Computerprogrammierung beschäftigt hatte, hatte er bis dahin vermutlich schon wieder alles vergessen. Auch als ich für den PC-Heimwerker zu schreiben begann und schließlich meine eigene Zeitschrift herausgab, nahm er auf die Inhalte meiner Artikel faktisch wenig bis gar keinen Einfluss. Er hat Hugi auch nicht gelesen, höchstens einzelne Artikel daraus. Soweit ich mich erinnern kann, durfte ich auch in den Briefen an meine Brieffreunde schreiben, was ich wollte. Er nahm mir nur die Arbeit ab, die Briefe zu frankieren und in den Briefkasten zu werfen. Einzig wenn Politik das Thema der Korrespondenz war, musste ich das schreiben, was er mir ansagte. So hatte ich einen Brieffreund namens Coctail (er ist heute Professor für Politikwissenschaften), mit dem ich mich unter anderem über Helmut Kohl und die "Wende" unterhielt. Zu diesem Thema musste ich die Gedanken meines Vaters wiedergeben.

Auch wenn wir später im Internet Relay Chat plauderten, war ich weitgehend frei in dem, was ich äußerte, aber wenn es um Politik ging, musste ich die Meinung meines Vaters (der neben mir zu sitzen pflegte) wiedergeben. Später war ich in diversen Foren aktiv, und weiterhin war ich frei, über allgemeine Themen oder über Wissenschaftliches zu schreiben, was ich wollte, aber über Politik musste ich unter meinem Namen veröffentlichen, was mein Vater dachte.

Nach meiner Matura (mit einem Notendurchschnitt von 1,0) wusste ich nicht, was ich studieren sollte. Da sagte mein Vater: "Wenn du schon so intelligent bist, warum studierst du nicht Medizin?" Und so kam es, dass ich Medizin studierte.

Gelegentlich führte sich auch mein Vater meine medizinischen Lehrbücher zu Gemüte, und ich hatte den Eindruck, dass er sich die Inhalte besser und mit größerem Interesse merkte als ich selbst. Er hatte schließlich ursprünglich selbst den Arztberuf angestrebt, nur war ihm das Studium in der kommunistisch regierten Tschechoslowakei verwehrt geblieben; und als er nach Wien kam, blieb er beim bereits eingeschlagenen Weg der Elektrotechnik.

Bis kurz vor seinem Ableben blieb mein Vater mit mir immer ein wenig unzufrieden, auch wenn er zeigte, dass er auf mich stolz war. Meine eigentlichen Qualitäten erkannte er aber erst, als ich 2013 mit meinem Blog auf Blogspot anfing. Die Inhalte meines Blogs begeisterten ihn. Schade, dass er schon so kurz danach das Zeitliche segnen musste.

Mittwoch, 12. April 2017

Auslese ist nicht immer gut

Am Gymnasium hatten wir eine Lehrerin, die sich selbst für politisch "progressiv" hielt. Sie vertrat die Meinung, dass der Staat keine Sozialleistungen mehr anbieten sollte, mit dem Ziel, dass diejenigen, die sich nicht anpassen können, aussterben. Dadurch würde der Fortschritt der Menschheit gefördert werden.

Ich sehe das aber anders, denn es werden auf diese Weise diejenigen aussterben, die den Trends nicht folgen können oder wollen; das bedeutet aber keineswegs, dass diese Leute unbegabt und wertlos wären. Im Gegenteil, der Markt könnte sich in die Richtung entwickeln, dass später genau jene Talente nachgefragt werden, die zuerst als unnütz betrachtet worden sind; wenn die Leute, die über diese Talente verfügten, ausgestorben sind, haben wir in einem solchen Fall ein echtes Problem.

Ein gutes Beispiel ist die IT-Branche - hier braucht man mathematisch begabte Leute. Früher war der Bedarf an Leuten mit diesen Begabungen nicht so hoch.

Hart zu sein, auf Auflese bedacht zu sein, kein Erbarmen mit den Schwächeren zu zeigen, ist nicht immer der richtige Weg.

Samstag, 1. April 2017

Abrechnung mit meinen Kritikern

Was habe ich mir im Laufe der Zeit nicht alles anhören müssen:

Mein Vater sagte über mich, als ich Kleinkind war, ich sei "deppert", weil ich "nicht auf Argumente reagiere".

Meine Volksschullehrerin wollte mich anfangs zurückstellen, weil ich keine Hausübungen machte und mein Sozialverhalten anders sei als das der übrigen Kinder. Als ich dann regelmäßig Hausübungen machte, war ich auf einmal Klassenbester.

Später beschrieb sie mich als "eigensinnig und intolerant".

Meine Englischlehrerin meinte nach meiner Matura mit Notendurchschnitt 1,0, es sei schön, dass ich "geistige Spitzenleistungen" erbringe, aber die "menschlich-soziale Reife" würde mir fehlen.

Als ich nach Beginn meines Medizinstudiums meiner Musiklehrerin begegnete, meinte sie, es würde sie überraschen, dass ich mich für die Medizin-Laufbahn entschieden hätte: "Aber du kannst doch überhaupt nicht mit Menschen umgehen!"

Eine Studienkollegin sagte zu mir: "Bist du der, der seine eigene Website im Internet betreibt? Ein kleines Genie, hm? Aber einen Arzt stelle ich mir anders vor."

Diese Leute sind allesamt nicht besonders klug. Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch hat eine andere Persönlichkeit. Gerade die Allerklügsten haben es oft an sich, dass sie anders sind, als sich ihre Zeitgenossen kluge Menschen vorstellen.
Ich kann mit Menschen umgehen, wenn ich will. Die Frage ist eher, ob die anderen mit mir umgehen können.
Ich wäre auch ein guter Arzt, wenn man mich ließe. Schließlich ist das Wichtigste bei einem Arzt, dass er die richtigen Diagnosen stellt, und das kann ich.
Die Frage ist eher, ob mich der Arztberuf glücklich machen würde beziehungsweise ob ich durch Ausübung dieser Tätigkeit mein Potenzial erfüllen oder doch Talent verschwenden würde.